Im Rahmen des Webinars „Apotheke live“ diskutieren Dorothee Brakmann (Hauptgeschäftsführerin Pharma Deutschland), Philipp Zöller (Geschäftsführer InfectoPharm) und Sebastian Wachtarz (Director Government & Public Affairs AbbVie) die Folgen des Beitragssatzstabilisierungsgesetzes für den Arzneimittelmarkt. Ausgangspunkt ist das Ziel des Bundesgesundheitsministeriums, ein Milliardenloch in der GKV zu schließen – mit Einsparungen, die vor allem auf Kosten der pharmazeutischen Industrie, der Apotheken und der Ärztinnen und Ärzte gehen sollen. Während die Ausgaben für Arzneimittel zuletzt nur unterdurchschnittlich gewachsen sind, soll die Branche künftig rund 20 Prozent der Einsparlast tragen, obwohl ihr nur etwa elf Prozent der GKV-Ausgaben zuzurechnen sind.
"Wir fahren ein Sparpaket ohne Ausstiegsklausel – und wundern uns dann über Versorgungslücken und abwandernde Industrie.“
Brakmann kritisiert grundlegend den Ansatz „Sparen um des Sparens willen“ und vergleicht ihn mit einem Krankenhaus, das mehr Patienten versorgen muss, aber einfach Strom und Wasser billiger machen will, statt Abläufe zu modernisieren. Die eigentlichen Herausforderungn – demografischer Wandel, mehr ältere und chronisch kranke Patient:innen, strukturelle Effizienzreserven im System – würden nicht angegangen. Statt einer echten Strukturreform setze die Regierung dauerhaft auf ein Sparpaket ohne Ausstiegsszenario, das die Versorgung unterminiere und zugleich die industrielle Basis schwäche.
„Der deutsche Preis wird längst exportiert – jeder Abschlag wirkt wie ein Sparprogramm für andere Länder und wie ein Kahlschlag für unseren Standort.“
Zentraler Konfliktpunkt ist der dynamisierte Herstellerabschlag. Brakmann macht deutlich, dass schon heute milliardenschwere Rabatte geleistet würden und dass die geplante Kopplung eines zusätzlichen Abschlags an die Entwicklung von Ausgaben und Einnahmen der GKV eine kaum kalkulierbare Belastung schaffe – mit im Raum stehenden Abschlagshöhen von bis zu 50 Prozent. Zugleich werde der „deutsche Preis“ durch internationale Referenzierung in viele andere Märkte exportiert; ein abgesenkter Preis in Deutschland ziehe deshalb vielfach höhere Einnahmeverluste weltweit nach sich. Hersteller müssten vor diesem Hintergrund nüchtern entscheiden, ob sich Markteinführungen in Deutschland überhaupt noch lohnen.
„Deutschland hat heute Europas besten Zugang zu Innovation – mit diesem Gesetz riskieren wir, vom Erstmarkt zum Nachzügler abzurutschen.“
Wachtarz ordnet die Dynamisierung in einen größeren geopolitischen Kontext ein. Die Welt habe sich massiv verändert: Die USA seien nicht mehr bereit, für den Rest der Welt mitzuzahlen, China dränge mit Innovation und Studienaktivitäten nach vorn. Deutschland habe derzeit noch das wohl beste Versorgungsniveau in Europa mit besonders schnellem Zugang zu neuen Therapien, riskiere dieses Asset aber mit einem „Irrweg“ aus dynamisierten Abschlägen, Preis-Mengen-Regeln und Fokuslisten.
„Diese Dynamisierung macht aus medizinischem Fortschritt eine betriebswirtschaftliche Strafe – wer mehr heilt, soll mehr Rabatt zahlen.“
Schon heute kämen rund ein Drittel der in den USA zugelassenen Innovationen gar nicht mehr in Europa auf den Markt. Das geplante System bestrafe aus Wachtarz` Sicht gerade die Unternehmen, die mit hohem F&E-Einsatz medizinischen Fortschritt ermöglichen – und zwinge sie, jede Pipeline-Entscheidung danach zu prüfen, ob Deutschland noch ein Erst- oder überhaupt noch ein Einführungsland sein könne.
„Es gibt nicht den einen Pharmamarkt – wir pressen innovative Blockbuster und zwei‑Euro‑Tropfen für Säuglinge durch dieselbe Sparschablone.“
Zöller bringt besonders plastisch die Perspektive der altorignalen und niedrigpreisigen, aber versorgungskritischen Präparate ein. Er betont, dass es nicht „den“ Pharmamarkt gibt, sondern zwei sehr unterschiedliche Welten: hochpreisige, patentgeschützte Innovationen, und den großen Block nicht mehr patentgeschützter, oft günstiger Altoriginale und Generika, der seit Jahren eher stagniert oder schrumpft. Die Expertenkommission habe Einsparungen konsequent auf den innovativen Bereich ausrichten wollen. Das BMG aber weite sie auf den gesamten Markt aus – inklusive der seit 2009 per Preismoratorium gedeckelten Altoriginale. Für diese Produkte, häufig im Bereich weniger Euro pro Packung und oft ohne echte Alternative, bedeute das kombinierte Regime aus Moratorium, komplexen Preisreferenzen und zusätzlichem Abschlag ruinöse Margen und ein systematisches „Wegpräparieren“ aus der Versorgung.
„Jede Woche verschwindet ein versorgungskritisches Präparat – mit diesem Gesetz sorgen wir dafür, dass es nie wieder zurückkommt.“
Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Zöller, dass solche Eingriffe weder nennenswerte Einsparungen bringen – laut Gesetzesentwurf nur einen zweistelligen Millionenbetrag – noch rational steuerbar sind, aber die Versorgung massiv gefährden. Schon heute verschwänden wöchentlich versorgungskritische Präparate vom Markt. In der Folge würden teurere, medizinisch schlechter geeignete Alternativen verordnet oder notwendige Darreichungsformen für Kinder und vulnerable Gruppen stünden nicht mehr zur Verfügung.
Zusätzlich wird mit Fokuslisten und Rabattverträgen im patentgeschützten Bereich ein neues, kassengetriebenes Steuerungsinstrument geschaffen. Wachtarz warnt davor, dass Krankenkassen künftig über Exklusivverträge quasi die Therapieentscheidung auf Wirkstoffgruppenebene übernehmen könnten, während Ärzt:innen und Apotheken die Folgen an Patient:innen „erklären“ müssten. Die evidenzbasierte Nutzenbewertung durch G-BA und die Therapiefreiheit würden unterlaufen; besonders in Bereichen wie der Onkologie könne die erzwungene Vereinheitlichung von Therapien Versorgung und Ergebnisse verschlechtern.
Brakmann verweist darauf, dass die EU mit Initiativen wie Critical Medicines Act und Biotech Act bereits auf die gewachsene Vulnerabilität Europas reagiert und aktiv versucht, Produktionskapazitäten und Innovation zurückzuholen. Deutschland hingegen ignoriere diese strategische Richtung, verschärfe die Rabattschraube und nehme damit in Kauf, dass sich Unternehmen auf andere Märkte fokussieren oder sich in weniger regulierte, aber volkswirtschaftlich weniger wertvolle Bereiche wie Nahrungsergänzung oder Kosmetik zurückziehen könnten.
Am Ende sind sich die Diskutant:innen einig: Die GKV-Finanzprobleme sind real, aber das vorliegende Spargesetz droht eine kurzfristige Entlastung mit langfristigen Struktur- und Versorgungsschäden zu erkaufen. Sie plädieren für eine Rückkehr zu den Vorschlägen der Expertenkommission, eine klare Trennung von kurzfristigen Sparinstrumenten und strukturellen Reformen sowie für einen ernsthaften Dialog zwischen Politik, Kassen, Ärzten, Apothekern und Industrie – idealerweise aufbauend auf dem begonnenen, aber nicht genutzten Pharmadialog.
