Andere Spurenstoffquellen bleiben ausgeblendet
Der Policy Brief rückt Humanarzneimittel faktisch ins Zentrum der Spurenstoffdebatte in kommunalen Abwässern, ohne andere bedeutende Emittenten wie Industriechemikalien, Wasch- und Reinigungsmittel, Haushaltschemikalien oder landwirtschaftliche Einträge systematisch zu erfassen. Damit entsteht der Eindruck, die Problematik lasse sich im Wesentlichen über Regulierung eines einzelnen Sektors lösen – das widerspricht der tatsächlichen Vielfalt der Spurenstoffquellen.
Verursacherprinzip wird nur selektiv angewendet
Der Policy Brief übernimmt weitgehend unkritisch die erweiterte Herstellerverantwortung, wie sie in KARL für Arzneimittel- und Kosmetikhersteller vorgesehen ist. Aus Sicht von Pharma Deutschland wird das Verursacherprinzip damit nur auf einen Teil der Branchen angewendet, während andere Sektoren mit relevanten Spurenstoffeinträgen im kommunalen Abwasser faktisch außen vor bleiben.
Schwächen der EU-Datengrundlage werden ignoriert
Die Autoren blenden die inzwischen deutlich gewordenen methodischen Schwächen der von der EU-Kommission verwendeten Datengrundlagen zur Zusammensetzung der Spurenstoffe im Abwasser aus. Eine aktuelle Studie untersuchte die Belastung des Abwassers in und um Athen. Die Daten zeigen, dass zentrale Annahmen der KARL – etwa zum angeblich dominierenden Anteil von Humanarzneimitteln – wissenschaftlich nicht belastbar sind, dennoch werden auf dieser Basis weitreichende finanzielle Pflichten für einen einzelnen Sektor begründet.
Risiken für Versorgungssicherheit und Standort werden unterschätzt
Der Policy Brief würdigt die Risiken für Versorgungssicherheit und den Pharmastandort nur am Rande, obwohl KARL erhebliche Mehrkosten für vor allem preisgünstige Standardtherapien auslöst. Wenn bis zu 80 Prozent der Investitions- und Betriebskosten für zusätzliche Reinigungsstufen pauschal der Humanarzneimittelindustrie zugeordnet werden, aber eine Weitergabe der Zusatzkosten durch starre Preisregulierungsmaßnahmen nicht möglich sind, sind Produktionsverlagerungen, Marktrückzüge und neue Lieferengpässe keine abstrakte Gefahr, sondern realistische Konsequenzen.
Gemeinsame Verantwortung aller Akteure fehlt
Der Policy Brief benennt zwar viele Akteure, ordnet die regulatorischen und finanziellen Lasten in der Praxis aber überwiegend der Industrie zu. Ein tragfähiges Konzept für Gewässerschutz braucht jedoch ein echtes „All-Actors-Modell“, in dem Kommunen, Wasserwirtschaft, Politik, Industrie, Fachkreise und Patientinnen gemeinsam Verantwortung tragen – inklusive transparenter Spurenstoffinventare und fair verteilter Kosten über alle relevanten Emittenten.
Pharma Deutschland steht für konstruktive Lösungen, die Umweltziele und Patientenversorgung zusammenbringen – auf Basis solider Daten, fairer Verantwortungsverteilung und eines realistischen Zeit- und Finanzierungsrahmens.