17.07.2026, 10:45

„Das Problem der GKV sind keine ‚überhöhten‘ Arzneimittelpreise“

Interview mit Dorothee Brakmann - Deutsche Apotheker Zeitung
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Neue Rabatte, Lieferengpässe und erschwerte Produktionsbedingungen für Arzneimittel halten die Pharmaindustrie in Atem. Zugleich muss sie aber krisenresilient werden. Wie die Branche sich diesen und anderen Herausforderungen stellt, erläutert die Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, Dorothee Brakmann, im DAZ-Interview.

DAZ: Am GKV-Sparpaket wurde auf den letzten Metern viel nachjustiert– auch bei den die Pharmaindustrie betreffenden Maßnahmen. Der dynamische Herstellerabschlag kommt nun doch nicht, sondern einzusätzlicher Herstellerabschlag von 8,5 Prozent. Kritiker meinen, die Pharmaindustrie komme zu gut weg. Was halten Sie von den nachjustierten Maßnahmen?

Dorothee Brakmann: Damit wird gar nichts besser. Der zusätzliche Herstellerabschlag, der zu einem Rabatt von 15,5 Prozent führt, ist ja nur ein Teil der Belastung. Hinzu kommen weitere Regelungen, die kumulativ wirken: eine verschärfte Preis-Mengen-Regelung, das Preismoratoriumund künftig auch noch Clusterausschreibungen für patentgeschützte Arzneimittel in Gruppen, die wirklich viel verordnet werden. In der Summe kann das für einzelne Präparate und Unternehmen Belastungen von 40 bis 50 Prozent bedeuten. Zudem setzen all die neuen Regelungen für patentgeschützte Arzneimittel auf bereits mit den Krankenkassen ausgehandelten Erstattungsbeträgen auf.

Und das wird sich auf den Standort Deutschland auswirken?

Ja, das funktioniert nicht ohne harte Einschnitte am Standort. Wer Unternehmen immer weiter belastet, gefährdet Investitionen, Forschung und Produktion. Das Problem ist außerdem: Deutschland ist für viele Länder – 34 sind es – ein Referenzmarkt. Wenn hier Preise oder Abschläge sinken, wirkt sich das über internationale Referenzpreissysteme weit über Deutschland hinaus aus. Damit vervielfacht sich der Effekt für die Firmen. Wer glaubt, das bleibe ohne Folgen für Markteinführungen, Forschung oder Arbeitsplätze, verkennt die Realität.

Machen die Versprechungen aus dem Entschließungsantrag für in Deutschland produzierende Unternehmen etwas besser?

Anders als während des gesamten Verfahrens zum Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird die Pharmabranche im Entschließungsantrag als wichtiger Wirtschaftsfaktor wahrgenommen. Das ist an sich ein ermutigendes Zeichen in Richtung Pharmastrategie. Gut ist auch, dass über die Ausgestaltung des Deutschlandbonus gesprochen werden soll. Wir gehen davon aus, dass die Branche hier eingebunden wird. Unterm Strich wird der Entschließungsantrag kaum etwas von dem Flurschaden für den Pharmastandort abwenden können, der durch das Beitragssatzstabilisierungsgesetz droht.

Als Arbeitgeber haben auch Ihre Mitgliedsunternehmen Interesse daran, dass die Lohnnebenkosten nicht ausufern. Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um die GKV-Beiträge zu stabilisieren?

Wir brauchen strukturelle Reformen statt immer neuer Spargesetze. Das Problem der GKV sind keine „überhöhten“ Arzneimittelpreise. Hier wird viel Schindluder mit Zahlen getrieben. Wer zum Beispiel den Durchschnittspreis von Neueinführungen berechnet – und darunter ist ein einziges sehr, sehr teures und selten zum Einsatz kommendes Gentherapeutikum –, kann schnell zu der Aussage gelangen, Arzneimittel sind 80 Prozent teurer geworden. Was fehlt, ist eine Gewichtung nach Volumen. Unser Problem ist die demografische Entwicklung. Es gibt immer mehr ältere Menschen, die immer mehr Arzneimittel brauchen –und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Das lässt sich nicht dauerhaft mit pauschalen Abschlägen lösen. Nötig sind eine echte Stärkung der Primärversorgung, mehr sektorenübergreifende Versorgung und neue Vergütungsmodelle, die Versorgung effizienter machen. 


 

"Die Industrie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen – aber in intelligenten Modellen, nicht über immer neue pauschale Kürzungen."
Dorothee Brakmann Hauptgeschäftsführerin Pharma Deutschland

Welche Rollen könnten Apotheken hier spielen?

Brakmann: Eine sehr wichtige. Wir halten „Pharmacy First“ für den richtigen Ansatz. Damit werden Apotheken viel stärker in die Primärversorgung eingebunden. Und wenn mehr niedrigschwellige Versorgung in der Apotheke stattfindet, entlastet das Arztpraxen. Es spart zudem Zeit und Kosten. Insbesondere beim Impfen können Apotheken eine größere Rolle übernehmen. In der Selbstmedikation sollte ebenfalls mehr möglich sein. Würde man alleine das aus der Verschreibungspflicht entlassen, was in den anderen Ländern schon lange nicht mehr verschreibungspflichtig ist, hätte man fast 4 Milliarden Euro eingespart. Sogar wenn man hier für eine soziale Abfederung sorgt. Letztlich ist es aus unserer Sicht auf jeden Fall sinnvoller, die vorhandene Infrastruktur der Apotheken zu stärken – wie es jetzt auch durch die Apothekenreform geschieht – statt neue Versorgungsstrukturen nebenher aufzubauen, wie es zeitweise mit Gesundheitskiosken geplant war.

Welchen Beitrag könnte die Pharmaindustrie leisten?

Wir sind offen für neue Modelle, die Versorgung und Finanzierung besser zusammenbringen. Ein Beispiel ist „Pay for Performance“ für Innovationen: Dann würde nur dann bezahlt, wenn ein Arzneimittel beim Patienten in der Praxis auch den erwarteten Nutzen bringt. Ebenso haben wir vorgeschlagen, bei versorgungskritischen generischen Arzneimitteln über pauschalierte „Netflix-Modelle“ nachzudenken. Damit gäbe es eine Pauschale, egal ob die Nachfrage gerade hoch ist oder nicht. Entscheidend ist: Die Industrie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen –aber in intelligenten Modellen, nicht über immer neue pauschale Kürzungen.

Die Apotheken würden gerne auf das Inkasso der Herstellerabschlägeverzichten. Was halten Sie von einer direkten Abwicklung zwischen Unternehmen und Krankenkassen?

Darüber kann man nachdenken, aber man muss wissen, dass es sich um ein hochkomplexes Verfahren handelt. Wir reden nicht über einen einzigen Herstellerabschlag, sondern über ein sehr vielschichtiges System mit unterschiedlichen Abschlagsarten und einem umfangreichen Regelwerk. Eine Umstellung wäre ein großer IT- und Verwaltungsprozess und sicher nicht von heute auf morgen machbar. Wenn man das politisch wollte, bräuchte es eben entsprechenden Vorlauf und eine saubere technische Vorbereitung. Es wäre vielleicht auch der Moment, in dem der Gesetzgeber über eine Entflechtung der Regelungen nachdenken sollte.

Lieferengpässe sind nach wie vor ein Dauerbrenner. Das Lieferengpassgesetz (ALBVVG) ist jetzt seit drei Jahren in Kraft – hat es irgendetwas bewirkt?

Bei Kinderarzneimitteln hat es punktuell etwas gebracht, nachdem es zunächst auch hier Verschlechterungen gab. Insgesamt hat das Gesetz das Grundproblem aber nicht gelöst. Lieferengpässe entstehen vor allem durch jahrelangen Preisdruck im generischen Markt. Dadurch wurden Produktion und Wirkstoffherstellung immer weiter aus Europa herausverlagert. Heute hängen wir bei vielen Wirkstoffen von sehr wenigen Herstellern im asiatisch-pazifischen Raum ab. Wenn dort geopolitische Krisen, Naturereignisse oder Transportprobleme auftreten, hat das sofort globale Folgen. Wirklich resilient wird die Versorgung erst, wenn wir Lieferketten wieder diversifizieren.

 

„Wenn Deutschland immer neue Sparinstrumente auflegt, passt das nicht zu dem Anspruch, ein führender Life-Science-Standort zu sein.“
Dotothee Brakmann Hauptgeschäftsführerin Pharma Deutschland

In Europa wird gerade das Pharmapaket geschnürt. Das gesamte EU-Arzneimittelrecht wird einer Revision unterzogen und es gibt verschiedene Initiativen aus Brüssel. Welche Lichtblicke sehen Sie hier?

Es gibt durchaus positive Ansätze. Der Critical Medicines Act geht in die richtige Richtung, weil er anerkennt, dass Versorgungssicherheit Vorrang vor dem billigsten Preis haben muss. Auch mit HERA (Anm. d. Red.:European Health Emergency Response Authority, EU-Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen) gibt es auf EU-Ebene erstmals Strukturen, die sich systematisch mit Krisenvorsorge und Resilienz beschäftigen. Zudem sendet die EU mit Initiativen wie dem Biotech Act das Signal, dass Europa Innovationsstandort bleiben soll. Das ist wichtig und strategisch richtig.

Und was befürchten Sie?

Die größte Sorge ist, dass Europa auf der einen Seite Innovation, Biotech und Versorgungssicherheit fördern will, nationale Politiken aber gleichzeitig genau das Gegenteil tun. Wenn Deutschland immer neue Sparinstrumente auflegt, passt das nicht zu dem Anspruch, ein führender Life-Science-Standort zu sein. Unternehmen forschen, produzieren und investieren dort, wo sie ihre Produkte auch wirtschaftlich auf den Markt bringen können. Wenn diese Aussicht fehlt, gehen Forschung, Einführung neuer Arzneimittel und am Ende auch Produktion woanders hin.

Auch die EU-Kommunalabwasserrichtlinie (KARL) treibt Ihre Branche um. Die Kritik findet durchaus Gehör in der Politik. Was lässt sich hier noch erreichen?

Wir brauchen aus unserer Sicht mindestens ein „Stop the Clock“, also ein Innehalten bei der Umsetzung. Das Grundproblem der Richtlinie ist, dass sie bei Arzneimitteln eine ökologische Steuerungswirkung unterstellt, die es so gar nicht geben kann. Man kann Wirkstoffe nicht einfach nach Belieben „umweltfreundlicher“ machen, ohne Wirkung, Zulassung und Patientensicherheit zu berühren. Wir sagen nicht, dass wir uns nicht beteiligen wollen. Aber die Lasten dürfen nicht einseitig nur auf Pharma und Kosmetik abgewälzt werden. Wenn es um Spurenstoffe im Wasser geht, muss die Verantwortung fair und wissenschaftsbasiert auf alle Verursacher verteilt werden.

Auf EU-Ebene wird auch eine stärkere Beschränkung für das Inverkehrbringen von PFAS gefordert. Ein aktuelles Gutachten des Umweltbundesamtes und der Universität Freiburg legt nahe, dass PFAS-Bestandteile in Arzneimitteln ersetzt werden könnten. Was halten Sie von den Studienergebnissen? Welche Probleme gibt es dabei aus Ihrer Sicht?

Die Schlussfolgerung, man könne Arzneimittel innerhalb einer Stoffgruppe einfach austauschen, greift viel zu kurz. Arzneimittel sind keine beliebig austauschbaren Chemikalien. Unterschiedliche Wirkstoffe haben unterschiedliche Zulassungen, Wirkprofile und Nutzenbewertungen. Selbst wenn ein Ersatz theoretisch möglich wäre, müsste er klinisch geprüft, zugelassen und regulatorisch vollständig neubewertet werden. Das dauert viele Jahre. Niemand setzt PFAS freiwillig ein – weder aus Umwelt- noch aus Kostengründen. Aber Änderungen in Arzneimitteln sind eben aus gutem Grund langsam und streng reguliert: wegen der Patientensicherheit.

Krisenresilienz ist ein neues Leitmotiv in der Gesundheitsbranche. Wiebereiten sich die Arzneimittelhersteller auf mögliche Katastrophen-oder Kriegsszenarien vor?

Es gibt erste Fortschritte, gerade auf europäischer Ebene. Aber wir stehen noch ziemlich am Anfang. Versorgungssicherheit braucht robuste, krisenfeste Produktionskapazitäten, klare Kommunikationswege, abgestimmte Notfallpläne und definierte Zuständigkeiten. Genau da sehen wir noch große Lücken – auch innerhalb Deutschlands mit seinen vielen unterschiedlichen föderalen Strukturen und Ansprechpartnern. Krisenresilienz entsteht nicht allein auf dem Papier, man muss Abläufe auch praktisch üben.

Was muss aus Ihrer Sicht der Staat beziehungsweise die Politik tun?

Die Politik muss das Thema als strategische Sicherheitsfrage begreifen. Wenn wir in Krisen unabhängiger sein wollen, kostet das Geld. Bestimmte versorgungskritische Arzneimittelproduktion wird nicht allein über den billigsten Erstattungspreis finanziert werden können. Außerdem brauchen wir klarere Zuständigkeiten, schnellere Entscheidungen und realistische Übungen für Krisenszenarien. Es reicht nicht, immer wieder die gleichen Fragen zu stellen – es müssen endlich belastbare Strukturen geschaffen werden.

Welche Schritte in Richtung einer resilienten Versorgung wurden schon unternommen, und wo sehen Sie noch die größten Herausforderungen?

Positiv sind die europäischen Initiativen und die gewachsene Aufmerksamkeit für das Thema. Die größten Herausforderungen bleiben aber Abhängigkeiten in den Lieferketten und zu viele unkoordinierte Zuständigkeiten. Hinzu kommt, dass wir noch nicht einmal überall dieselben Listen kritischer Arzneimittel haben. Solange das so ist, bleibt Resilienz eher ein politisches Schlagwort als gelebte Praxis.

Sachsen-Anhalt gilt als wichtiger Pharmastandort. Bei den kommenden Landtagswahlen zeichnet sich ein politischer Umbruch ab. Wie schauen Sie auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD?

Sachsen-Anhalt ist tatsächlich ein bedeutendes Pharmaland; viele Arzneimittelpackungen in Deutschland kommen von dort. Gerade deshalb ist politische Verlässlichkeit so wichtig. Die Pharmaindustrie lebt von internationaler Zusammenarbeit, von Fachkräften aus vielen Ländern und von einem offenen, attraktiven Umfeld für Investitionen. Wenn Unternehmen den Eindruck gewinnen, dass sie ihre internationalen Mitarbeitenden nicht mehr guten Gewissens an einen Standort schicken können, wird das zu einem handfesten Problem. Für eine Branche, die auf Vielfalt, Wissenschaft und globale Vernetzung angewiesen ist, wäre das ein ernstes Risiko. 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Brakmann!
 

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