Aus Sicht des Landesverbandes Nord darf die nationale Umsetzung keine neuen Risiken für die Arzneimittelversorgung schaffen. Denn Arzneimittel sind keine frei gestaltbaren Konsumgüter. Wirkstoffe werden mit Blick auf Wirksamkeit, Qualität und Sicherheit für Patientinnen und Patienten entwickelt und eingesetzt. Ihre Eigenschaften sind eng mit den jeweiligen medizinischen Indikationen verbunden. Eine einfache ökologische Umgestaltung ist bei Humanarzneimitteln daher nur sehr begrenzt möglich.
Hinzu kommt: Der Arzneimittelmarkt ist stark reguliert. Viele insbesondere patentfreie und versorgungsrelevante Arzneimittel unterliegen Preisregulierungen, Rabattverträgen und engen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zusätzliche Kosten können von den Unternehmen häufig nicht oder nur sehr eingeschränkt weitergegeben werden. Gerade bei Generika, Antibiotika, Blutdrucksenkern oder Arzneimitteln gegen chronische Erkrankungen kann dies die wirtschaftliche Tragfähigkeit einzelner Produkte zusätzlich unter Druck setzen.
Im Gespräch mit MdB Bodin machte Pharma Deutschland daher drei zentrale Punkte deutlich:
Erstens: Belastbare Prüfung vor finanzieller Belastung.
Bevor Hersteller mit erheblichen Kosten belegt werden, braucht es eine transparente und wissenschaftlich belastbare Prüfung. Dazu gehören realistische Kostenschätzungen, eine nachvollziehbare Bewertung der tatsächlichen Verursacheranteile sowie eine Folgenabschätzung für die Arzneimittelversorgung. Die bislang diskutierten Kostenschätzungen gehen deutlich auseinander. Auch die Frage, welchen Anteil Humanarzneimittel tatsächlich an relevanten Mikroverunreinigungen im kommunalen Abwasser haben, muss auf einer belastbaren Datengrundlage geklärt werden.
Zweitens: Arzneimittelversorgung sichern.
Die nationale Umsetzung muss sicherstellen, dass zusätzliche Belastungen keine Marktrücknahmen oder Lieferengpässe auslösen. Besonders kritisch sind patentfreie, preisregulierte und versorgungsrelevante Arzneimittel. Sie leisten einen zentralen Beitrag zur Versorgung in Deutschland, stehen aber bereits heute unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Neue Kosten dürfen nicht dazu führen, dass bewährte Arzneimittel vom Markt verschwinden oder Lieferketten zusätzlich geschwächt werden.
Drittens: Rechtssichere und faire Umsetzung schaffen.
Für die betroffenen Unternehmen braucht es klare Zuständigkeiten, transparente Kosten, nachvollziehbare Kontroll- und Einflussmöglichkeiten sowie eine wirksame Begrenzung finanzieller Risiken. Eine offene Kostenautomatik zulasten einzelner Branchen wäre weder planbar noch sachgerecht. Stattdessen braucht es ein faires Finanzierungsmodell, das alle relevanten Verursacher von Mikroschadstoffen im kommunalen Abwasser angemessen einbezieht.
Auch mit Blick auf die europäische Ebene ist eine sorgfältige Umsetzung entscheidend. Während mit dem Critical Medicines Act die Versorgung mit kritischen Arzneimitteln gestärkt werden soll, darf die Kommunalabwasserrichtlinie nicht ausgerechnet jene Arzneimittel zusätzlich belasten, die für die Versorgung besonders wichtig sind. Umwelt- und Gesundheitspolitik müssen hier widerspruchsfrei zusammengedacht werden.
Der Landesverband Nord von Pharma Deutschland begrüßt daher den offenen Austausch mit MdB Leif Bodin. Ziel ist nicht, die Richtlinie grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr geht es darum, zentrale Umsetzungsrisiken frühzeitig sichtbar zu machen und gemeinsam Lösungen zu finden, die Gewässerschutz stärken, ohne die sichere Versorgung mit Arzneimitteln zu gefährden.
Denn klar ist: Eine starke Arzneimittelversorgung, wirksamer Wasserschutz und verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie müssen gemeinsam gedacht werden.
Zum LinkedIn Beitrag über den Austausch.