Oktober 2026

Neue Abwasserdaten stellen Grundannahmen der EU-Kommission in Frage

An zwei griechischen Kläranlagen dominieren andere Stoffgruppen als Arzneimittel die berechnete toxische Last. Pharma Deutschland fordert eine Überprüfung der Finanzierungsgrundlagen.

Arzneimittel- und Kosmetikhersteller sollen mindestens 80 Prozent der Kosten für die vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen tragen. So sieht es die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie vor. Eine Studie der Universität Athen hat nun in realen Kläranlagen gemessen, woher das ökologische Risiko im Abwasser kommt. Das Ergebnis: Arzneimittel tragen dort nur rund 7 Prozent bei. 

 

Diess fünf Gründe sprechen dafür, die Umsetzung der Herstellerverantwortung bis zu ihrem Vorliegen auszusetzen.

1. Gemessene Werte statt Modellannahmen

Die Kommission stützt sich auf Modellierungen mit Ersatzstoffen und geschätzten Toxizitätswerten. Die Athener Studie hat dagegen Zu- und Abläufe zweier Kläranlagen mit modernster Massenspektrometrie analysiert und dabei tausende Stoffe aus allen Branchen erfasst. Eine Regelung, die Kosten in Milliardenhöhe verteilt, sollte sich auf die Wirklichkeit in den Kläranlagen stützen und nicht allein auf Modelle.

2. Arzneimittel machen nur einen kleinen Teil des Umweltrisikos aus

In den untersuchten Anlagen tragen Arzneimittel nach der Berechnung der Studie nur rund 7 Prozent zur ökotoxischen Gesamtlast im Ablauf bei. Den größten Anteil haben andere Stoffgruppen: Reifen- und Gummiadditive, Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln, Industriechemikalien und Tenside. Dieses Bild passt nicht zu einer Regelung, die die Kosten fast ausschließlich zwei Branchen zuweist.

3. Das Verursacherprinzip verlangt eine faire Verteilung

Die Richtlinie beruft sich auf das Verursacherprinzip. Wenn aber nennenswerte Risiken von Stoffen ausgehen, deren Hersteller gar nicht zahlen müssen und andere überproportional belastet werden, wird dieses Prinzip nicht eingehalten. Bevor Kosten verteilt werden, muss geklärt sein, wer welchen Anteil an der Belastung trägt.

4. Jede Region hat ein eigenes Belastungsprofil

Die Studie zeigt: In der Großstadtanlage Athen dominieren Reifenadditive, in der landwirtschaftlich geprägten Region Larissa Pflanzenschutzmittel. Die Belastung hängt also stark vom Standort ab. Darum brauchen wir vergleichbare Messungen in anderen Mitgliedstaaten, mit unterschiedlichen Anlagentypen, Regionen und Jahreszeiten. Nur so entsteht eine europäische Datengrundlage, auf der eine gerechte Kostenverteilung aufbauen kann.

5. Eine falsche Weichenstellung gefährdet die Arzneimittelversorgung

Die Mehrkosten treffen besonders günstige Generika und rezeptfreie Arzneimittel, deren Preise ohenhin schon sehr niedrig sind. Schon jetzt gibt es Lieferengpässe. Wird auf einer unsicheren Datengrundlage eine Kostenlast eingeführt, können Produkte vom Markt verschwinden Diesen Schaden kann man im Nachhinein kaum beheben.

Pharma Deutschland fordert

Die Umsetzung der Herstellerverantwortung sollte so lange ausgesetzt werden, bis diese Daten vorliegen.

Der Ausbau der Kläranlagen und der Gewässerschutz sollen weitergehen. Die Finanzierung muss aber alle Verursacher fair einbeziehen.

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