Das deutsche Gesundheitswesen steht unter erheblichem Veränderungsdruck. Eine älter werdende Bevölkerung, Fachkräftemangel, knappe finanzielle Spielräume und hohe Belastungen in Arztpraxen stellen die Versorgung vor grundlegende Fragen. Zugleich benötigen Patientinnen und Patienten verlässliche Anlaufstellen, die ihnen schnelle Orientierung und kompetente Unterstützung bieten. Vor diesem Hintergrund rückte die Veranstaltung „Gesundheit beginnt vor Ort“ die zukünftige Gestaltung der Primärversorgung unter Berücksichtigung von Selbstmedikation in Verbindung mit heilberuflicher Beratung in den Mittelpunkt.
Am 5. Oktober 2026 diskutierten im Medical Park Hannover Vertreterinnen und Vertreter zentraler Versorgungsbereiche über neue Wege in der Primärversorgung. Als verbindender Leitgedanke erwies sich: So viel Eigenverantwortung wie möglich, so viel Fürsorge wie nötig. Selbstmedikation wurde dabei nicht als Ersatz für die ärztliche Versorgung betrachtet, sondern als frühe, verantwortungsvoll gestaltete Option bei geeigneten leichten Beschwerden. Die heilberufliche Beratung in der Apotheke wurde als wesentliches Sicherheitsnetz eingeordnet.
Im Zentrum des Abends standen zukünftige Versorgungspfade und eine bessere Steuerung der Patientinnen und Patienten. Das Panel beleuchtete, wo ärztliche Behandlung zwingend erforderlich ist, wo Apotheken ihre heilberufliche Kompetenz stärker einbringen können und wie Prävention, Gesundheitskompetenz und Selbstmedikation sinnvoll zusammenspielen. Damit rückte zugleich die Frage in den Fokus, wie knapper werdende personelle und finanzielle Ressourcen gezielter eingesetzt werden können.
In der Diskussion wurde die heilberuflich unterstützte Selbstmedikation als wichtiger Bestandteil der Primärversorgung eingeordnet. Rezeptfreie, apothekenpflichtige Arzneimittel ermöglichen bei geeigneten Indikationen einen schnellen Zugang zur Versorgung und können dazu beitragen, Arztpraxen und Notfallstrukturen zu entlasten. Zugleich wurde deutlich: Voraussetzung sind klare Grenzen der Eigenverantwortung, eine fundierte heilberufliche Beratung und ein gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsbildung und Versorgung.
Nach der Begrüßung durch Babette Reiken, Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes Nord, setzte der niedersächsische Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi mit einem politischen Impuls den Auftakt zur Debatte. Anschließend diskutierte er mit Cathrin Burs, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, Dr. Ludwig Grau, stellvertretender Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Brigitte Käser, Geschäftsführerin Gesundheitsmanagement ambulant der AOK Niedersachsen, und Babette Reiken, Geschäftsführerin bei G. Pohl-Boskamp GmbH & Co.KG. Lutz Boden, Geschäftsführer OTC-Markt bei Pharma Deutschland, moderierte das Panel.
Die Diskussion verband die Frage nach mehr Eigenverantwortung ausdrücklich mit dem Solidaritätsgedanken. Nicht alle Menschen verfügen über dieselben finanziellen Möglichkeiten oder dieselbe Gesundheitskompetenz. Deshalb müsse eine stärkere Rolle der Selbstmedikation von Gesundheitsbildung, erreichbarer heilberuflicher Beratung und sozial ausgewogenen Rahmenbedingungen begleitet werden. Als gemeinsame Orientierung wurde herausgearbeitet: Gute Versorgung darf nicht von Einkommen, Wohnort oder individuellem Vorwissen abhängen.
Ein weiterer Schwerpunkt war das Zusammenwirken der Gesundheitsberufe. Eine zukunftsfähige Primärversorgung brauche klare Zuständigkeiten, gegenseitiges Vertrauen und intelligente Übergänge zwischen Selbsthilfe, Apotheke, ärztlicher Behandlung und weiteren Versorgungsangeboten. Die Vor-Ort-Apotheke könne dabei als niedrigschwellige erste Anlaufstelle eine stärkere Rolle übernehmen, ohne die notwendige ärztliche Diagnostik und Therapie infrage zu stellen.
Fünf Ansatzpunkte aus der Debatte
"Bei leichten Beschwerden geht es weniger um das Ob als um das Wie: Selbstmedikation muss sicher, heilberuflich begleitet und für alle Menschen zugänglich sein."
Mit der Veranstaltung unterstrich der Landesverband Nord seine Rolle als regionale Stimme der pharmazeutischen Industrie in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen sowie seine Wirkung über diese Regionen hinaus. Der Austausch brachte Perspektiven aus Politik, Versorgung und Wirtschaft zusammen und knüpfte damit an zentrale Arbeitsschwerpunkte des Landesverbandes an: Prävention und Gesundheitskompetenz, Regulierung und Arzneimittelversorgung sowie die Stärkung des Pharmastandorts Norddeutschland.
Zugleich war die Veranstaltung ein wichtiger Impuls für die Umsetzung der Selbstmedikations-Strategie von Pharma Deutschland.