24.09.2026, 14:02

Erstmal Selbstmedikation – eine gemeinsame Zukunftsaufgabe

Mehr Selbstmedikation ermöglichen: OTC-Summit von Pharma Deutschland diskutiert Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung.
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Autor:innen
Celina Weyreuther
Pharma Deutschland
vlnr.: Tina Knop, Walter Pechmann, Prof. Dr. Stefan Heinemann, Christine Neumann-Grutzeck, Dr. Ina Lucas, Nikola Haaks, Dr. Traugott Ullrich © Pharma Deutschland / Christina Czybik
Beim OTC-Summit „Selbstverständlich Selbstmedikation“ von Pharma Deutschland kamen gestern im Amplifier in Berlin Vetreterinnen und Vertreter aus Politik, Ärzteschaft, Apothekerschaft, Wirtschaft und Medien zusammen, um über die Potentiale und Perspektiven der Selbstmedikation zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Beitrag Selbstmedikation zu einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung leisten kann und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Menschen sie sicher, informiert und eigenverantwortlich nutzen können.

Eigenverantwortung braucht Souveränität

Den Auftakt des OTC-Summits machte Jörg Wieczorek, Geschäftsführer der Hermes Holding und Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland. In seinem Rückblick auf die Entwicklung des OTC-Marktes erinnerte er daran, dass bereits vor rund 40 Jahren große Potenziale für die Selbstmedikation und rezeptfreie Arzneimittel gesehen wurden. Viele der damaligen Erwartungen seien heute aktueller denn je und zeigten, welches Potenzial in einer stärkeren Selbstmedikation für die Gesundheitsversorgung der Zukunft liege.

Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Stefan Heinemann leitete seinen Impuls mit der Frage ein „Wollen wir uns wirklich mehr um uns selbst kümmern – oder sollen wir nur?“ Aus ethischer Perspektive rückte er damit den Blick auf das Spannungsfeld zwischen individueller Eigenverantwortung und solidarischer Gesundheitsversorgung.

„Selbstmedikation ist ein Baustein von Gesundheitssouveränität und sollte eine Selbstverständlichkeit werden,“ so Heinemann. Zugleich betonte er, dass Eigenverantwortung Orientierung brauche. Wer Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen soll, müsse Zugang zu verständlichen Informationen, verlässlicher Beratung und geeigneten Versorgungsangeboten erhalten.

Sicherheit durch kompetente Beratung

In der ersten Diskussionsrunde wurde deutlich, dass Selbstmedikation und heilberufliche Begleitung keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen. Christine Neumann-Grutzeck, Präsidentin des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten, unterstrich die Bedeutung professioneller Einschätzung gerade vor dem Hintergrund einer abnehmenden Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.

Dr. Ina Lucas, Vizepräsidentin der ABDA, betonte die besondere Rolle der Apotheken. Apotheken könnten dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen, Unsicherheiten abzubauen und Menschen bei ihren Gesundheitsfragen aufzufangen. „Selbstmedikation beginnt damit, dass ich in mich hineinhöre, nachdenke und mich informiere. Dann kann ich mit meinen Fragen in die Apotheke oder zum Arzt gehen und fachliche Beratung bekommen.“

Dr. Traugott Ullrich, Geschäftsführer Innovation and Market Access der Schwabe Group und stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland, betonte den Zusammenhang von Erfahrung und Vertrauen. „Selbstmedikation und das Vertrauen, die eigenen Beschwerden selbst behandeln zu können, steht im Kontext von persönlicher Erfahrung. Zusätzlich hat die Beratung in Praxis und Apotheke einen therapeutischen Wert.“ Insbesondere bei der Einordnung von Beschwerden, der Auswahl geeigneter Arzneimittel und möglichen Wechselwirkungen bleibe die fachliche Beratung unverzichtbar.

Wie gelingt mehr Selbstmedikation?

Wie sich die Potenziale der Selbstmedikation weiterentwickeln lassen, stand im Mittelpunkt des Nachmittagsprogramms. Dr. Maria Verheesen, Referentin Selbstmedikation bei Pharma Deutschland, stellte klar: „Gesundheitsbildung ist die wichtigste Investition in unsere Zukunft.“

Eine Strategie für mehr kompetente Selbstmedikation müsse nach Einschätzung von Pharma Deutschland fünf Aspekte zusammenführen: Informierte Selbstbestimmtheit der Patientinnen und Patienten, heilberufliche Einbindung und persönliche Beratung, erweiterte Versorgungs- und Präventionsangebote, kundenzentrierte Weiterentwicklung der Versorgung und eine resiliente Gesundheitsversorgung.

Prof. Dr. Uwe May warb dafür, Selbstmedikation als „Ermutigung statt Zumutung“ zu begreifen. Ihr Nutzen gehe über Einsparungen hinaus, denn sie ermögliche schnelle Hilfe bei geeigneten Beschwerden, könne Prävention stärken und unnötige Arztkontakte vermeiden. „Wenn wir uns als Individuen und als Gesellschaft nicht zu mehr Eigenverantwortung und Self-care ermutigen können, wird unsere Gesundheitsversorgung der Zukunft unausweichlich zur Zumutung.“

Selbstmedikation geht nur zusammen

Die abschließende Diskussionsrunde machte deutlich, dass die Weiterentwicklung der Selbstmedikation nur im Zusammenspiel aller Akteure gelingen kann. Cosima Bauer betonte, dass Selbstmedikation zwar eine persönliche Entscheidung sei, zugleich aber große öffentliche Relevanz habe. Sie könne das Gesundheitswesen entlasten, dürfe aber nicht zur Privatsache ohne professionelle Unterstützung werden.

Dr. Stephan Pilsinger, MdB und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, sprach sich für eine stärkere Lotsenfunktion der hausärztlichen Versorgung sowie eine engere Zusammenarbeit aller Akteure im Gesundheitswesen aus. „Wir müssen Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung stärken, aber auch geeignete Arzneimittel aus der Verschreibungspflicht entlassen, um damit die Möglichkeiten der Selbstmedikation zu erweitern.“ Gleichzeitig warb er dafür, Praxen und Apotheken zukunftsfest aufzustellen und notwendige Modernisierungsschritte konsequent zu gehen.

Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbands, plädierte dafür, Gesundheitskompetenz bereits in jungen Jahren zu vermitteln. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen aus dem Internet kritisch einzuordnen und zu erkennen, wann Selbstmedikation, Hausmittel, Apothekenberatung oder ein Arztbesuch der richtige nächste Schritt seien.

Thomas Stadler, Geschäftsführer der Hermes Arzneimittel GmbH, machte auf die Belastungsgrenzen des Gesundheitssystems aufmerksam. „Unser Gesundheitssystem ist bereits an der Belastungsgrenze und wenn es in Zukunft auch finanzierbar bleiben soll, dann müssen wir die Chancen in der Selbstmedikation nutzen.“ Voraussetzung sei jedoch eine enge Zusammenarbeit aller Heilberufe. Apotheken müssten als niedrigschwellige und empathische Anlaufstellen geschützt und weiterentwickelt werden. Fachkundige Beratung könne dabei helfen, Gesundheitsinformationen aus dem Netz richtig einzuordnen und einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu unterstützen.

Roadmap für die Zukunft

Zum Abschluss stellte Lutz Boden, Geschäftsführer OTC-Markt bei Pharma Deutschland, die Roadmap zur Umsetzung der Selbstmedikationsstrategie von Pharma Deutschland vor. Sie versteht Selbstmedikation als ersten Schritt in der Gesundheitsversorgung und als Teil einer langfristigen Entwicklung hin zu mehr persönlicher Gesundheitsvorsorge und Gesundheitskompetenz.

„Selbstmedikation und heilberufliche Begleitung stehen nicht im Widerspruch; im Gegenteil, sie sollten Hand in Hand gehen“, betonte Boden. Wenn Menschen bei geeigneten Beschwerden schnell, sicher und kompetent unterstützt würden, könne Selbstmedikation Prävention stärken, medizinische Ressourcen schonen und die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten erhöhen.

Das Schlusswort hielt Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland. Sie betonte, dass der OTC-Summit keine einmalige Veranstaltung bleiben werde, sondern auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll. Gleichzeitig dankte sie allen Teilnehmenden für den offenen Austausch und die konstruktiven Impulse zur Weiterentwicklung der Selbstmedikation.

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Celina Weyreuther

Volontärin
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