25.09.2026, 12:05

„Selbstmedikation muss so normal werden, wie Schuhe kaufen."

Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Stefan Heinemann über Gesundheitskompetenz, sichere Selbstbehandlung und die Rolle der Apotheke.
  • Gesellschaft & Politik
  • Produktion & Versorgung
Autor:innen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Gesunde Ernährung, Sport und Selfcare werden für viele Menschen immer selbstverständlicher. Doch beim Thema Medikamente und Selbstmedikation bestehen noch Berührungsängste, so die These des Wirtschafts- und Medizinethikers Prof. Dr. Stefan Heinemann beim Selbstmedikations-Summit „Selbstverständlich Selbstmedikation" von Pharma Deutschland. Im Interview spricht er über seinen Begriff der Gesundheitssouveränität, mündige Gesundheitsbürgerinnen und -bürger sowie Grenzen der Selbstmediakation.

Herr Professor Heinemann, was genau meinen Sie, wenn Sie von Gesundheitssouveränität sprechen?

Dass die Menschen sich angemessen mit sich selbst und ihrer Gesundheit beschäftigen. Ich wundere mich oft, dass viele Menschen Vorsorge machen, Sport treiben, auf ihre Ernährung achten, aber bei Medikamenten sagen: Damit will ich nichts zu tun haben. Dabei gibt es heute viele Möglichkeiten, sich bei kleinen Zipperlein selbst um eine passende Medikation zu kümmern. Gesundheitssouveränität bedeutet, dass die Menschen wissen, wo sie gute Informationen bekommen, wer sie bei Fragen beraten kann und sollte – und wovon sie lieber die Finger lassen. Wichtig ist dabei die klare Abgrenzung zur Fehl-Selbstmedikation. Da werden Präparate genommen, die abgelaufen sind oder mal für jemand anderen verschrieben wurden, und die Leute essen das wie Kaugummis. Das darf natürlich nicht sein. „Selbst“ bedeutet auch „Pflicht gegenüber sich Selbst“. 

Ja, genau solche Beispiele werden angeführt, um gegen Selbstmedikation zu argumentieren. Was entgegnen Sie?

Natürlich, Risiken gibt es. Wechselwirkungen, Schwangerschaft, falsche Einnahme – und einiges mehr. Dafür braucht es Aufklärung. Hier liegt genau die Krux. Ich kann nicht begreifen, warum es kein Schulfach gibt, in dem Kinder lernen, verantwortlich mit ihrer eigenen Gesundheit umzugehen. Und zwar inklusive OTC-Präparaten. Gesundheitsbildung bleibt dem Zufall überlassen und dem Elternhaus. Hier und da kennt ein Lehrer jemanden aus der Apotheke, der vorbeikommt und eine coole Aktion macht. Die Regel ist das nicht. Ich habe neulich meine Studierenden in einer Vorlesung gefragt: Wer hat sich schon mal mit Selbstmedikation beschäftigt? Drei Hände gingen hoch – bei 250 Leuten. Die meisten wussten gar nicht, wovon ich rede.

Dass die Möglichkeiten und Vorteile der Selbstmedikation bekannter gemacht werden müssen, ist das eine. Zu der Information, was sie bewirken kann, gehört auch, über ihre Grenzen zu sprechen. Wo genau endet Selbstmedikation?

Das ist tatsächlich nicht so leicht zu sagen. Selbstmedikation ist ein Lernprozess. Je mehr ich mich mit mir selbst und meinem Körper beschäftige, desto besser gelingt mir eine gute Selbstmedikation. Gerade deshalb ist es wichtig, früh damit zu beginnen. Es wird aber auch immer Momente geben, wo es Fachleute braucht, die sich auskennen und das Ende der Selbstmedikation definieren. Ich boxe zum Beispiel in meiner Freizeit und gelegentlich habe ich dabei Schmerzen. Ich bin sehr froh, dass ich zu meiner Apotheke gehen kann und dort einen Tipp bekomme, was gegen die Schmerzen hilft. Natürlich zahle ich die Mittel dann selbst, aber ich sehe das als eine Investition in mich selbst. Und im Ernstfall würde der Apotheker, die Apothekerin mir auch sagen, wenn ich besser einen Arzttermin machen sollte. Ob KI, Apotheker, Kollegenkreis, Apotheke, Ärzte, kuratierte Fachquellen und vieles mehr – rund um Gesundheit ist vieles möglich und die vielzitierte Health Literacy ist genau das, was wir brauchen, um Solidarität, Daten und Gesundheit für mich und alle in die Balance zu bekommen. Da Medikation ein wesentlich Teil ist eben auch und sinnvollerweise Selbstmedikation. 

„Selbstmedikation ist ein Lernprozess. Je mehr ich mich mit mir selbst und meinem Körper beschäftige, desto besser gelingt mir eine gute Selbstmedikation.“
Prof. Dr. Stefan Heinemann Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule

Sie sind Wirtschaftsethiker. Es gibt die Ansicht, dass Wirtschaft und Ethik schon nicht gut zusammen gehen und es deshalb problematisch ist, mit Gesundheit Geld zu verdienen. Was meinen Sie?

Das finde ich nicht. Business und Geld verdienen ist Teil dieser Welt, und es ist metaphysisch völlig unplausibel zu glauben, ausgerechnet die Wirtschaft sei böse. Es ist wie mit dem gerne zitierten Messer: Sie können damit Essen zubereiten – oder jemanden töten. Auch Unternehmen können ethische oder weniger ethische Ziele verfolgen. Deshalb brauchen wir kluge Manager mit Herz und Orientierung. Also: Man kann mit guten Produkten gutes Geld verdienen, das ist völlig in Ordnung. Man darf auch fragen, ob noch mehr geht. Solange man dabei menschlich und ethisch korrekt bleibt. Gier ist eine Sünde, Neid aber auch.

Sie sagen, man könne sich nicht mehr auf das Gesundheitssystem verlassen. Ist das nicht sehr pessimistisch?

Es ist realistisch. Das System wird immer teurer und leistet immer weniger. Und das obwohl wir zum Glück sehr gute Akteurinnen und Akteure im System haben, die sogar ihre eigene Gesundheit gefährden, um für uns da zu sein, dass muss klar gesagt werden – „System“ meint nicht die „Summe der Menschen“, sondern der Regeln, Strukturen, Strategien. Jeder sollte sich heute also fragen, wie er sich selbst stärken kann. Ein Vergleich: Wie nennt man Leute, die Zeitung -ob digital oder analog- lesen, wählen gehen und eine Meinung haben? Bürger. Und genauso will ich Gesundheitsbürgerinnen und -bürger haben, die sagen: Ich interessiere mich für meine eigene Gesundheit und handle verantwortlich. Natürlich entlastet das auch das Gesundheitssystem – viel wichtiger finde ich aber, dass es ein Schritt hin zu mehr Souveränität ist. Und wer über sich nachdenkt, denkt vielleicht auch über andere nach. Und ich erkenne sogar in meiner eigenen Gesundheit diejenige der anderen – und vice versa, das wäre dann Public Health at its best.

„Ich will Gesundheitsbürgerinnen und -bürger haben, die sagen: Ich interessiere mich für meine eigene Gesundheit und handle verantwortlich.“
Prof. Dr. Stefan Heinemann Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule

Zum Schluss noch mal zurück zu Ihren Studierenden, die sich kaum mit Selbstmedikation beschäftigen. Was muss passieren, damit wir nicht in 25 Jahren noch dieselben Debatten führen wie heute?

Erstens: Dranbleiben. Das können gerade wir Deutschen ja sehr gut. Zweitens: Raus zu den Menschen, in die Schulen, in die Vereine gehen. Leute da abholen, wo sie sind. Dazu zählen auch neuere Tools wie ChatGPT oder Social Media. Drittens, ganz ehrlich: Wir brauchen einen besseren Begriff. „Selbstmedikation" ist sachgerecht, aber das versteht niemand. Eigentlich geht es um Gesundheitssouveränität. Meine Vision: Selbstmedikation soll eine total langweilige Selbstverständlichkeit werden. Es sollte so normal werden, wie Schuhe kaufen. Ich weiß nicht, ob das fünf oder zehn Jahre dauert – aber ich bin mir sicher, dass es möglich ist.

Professor Dr. Stefan Heinemann, Wirtschaftsethiker, Keynote zur  Eigenverantwortung in der solidarischen Gesundheitsversorgung
Professor Dr. Stefan Heinemann (Wirtschaftsethiker) hält seine Keynote zur Eigenverantwortung in der solidarischen Gesundheitsversorgung beim Selbstmedikations-Summit von Pharma Deutschland (c) Czybik und Schmid Media September 2026

Ihr Kontakt

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Pharma Deutschland
Zeichenfläche 1