September 2026

Selbstmedikation: Einsparpotenziale für Gesundheitssystem und Volkswirtschaft

Aktualisierung der gesundheits- und sozioökonomischen Modellrechnung von May+Bauer GbR aus dem Jahr 2016: Die FAQ beleuchtet, welchen Beitrag verantwortungsvolle Selbstmedikation zur Gesundheitsversorgung leisten kann und welche gesundheitsökonomischen sowie sozioökonomischen Effekte damit verbunden sind.

Gesundheits- und sozioökonomische Potenziale der Selbstmedikation - Aktualisierung einer gesundheitsökonomischen Modellrechnung aus dem Jahr 2016 der May+Bauer GbR

Warum hat Pharma Deutschland die Gesundheitsökonomische Analyse beauftragt?

Vor dem Hintergrund der erheblichen Finanzierungslücken im Gesundheitssystem möchte Pharma Deutschland den Wert von Selbstbehandlung für den Einzelnen und die Gesellschaft mit fundierten und aktuellen Fakten belegen und diese in eine gesamtgesellschaftliche Diskussion einbringen. Die Analyse ist ein Update eines umfangreichen Gesundheitsökonomischen Gutachtens aus dem Jahr 2016 der Autoren May und Bauer.

Was ist die Kernaussage der Analyse?

Die Kernaussage der Analyse ist, dass ganz erhebliche Effizienzpotenziale für Patienten, Kostenträger und Heilberufler und damit letztlich für die gesamte Gesellschaft durch mehr heilberuflich begleitete Selbstmedikation realisiert werden können. 

 

Ökonomischer Nutzen von Selbstmedikation

Was bringt und was kostet Selbstmedikation in Deutschland in Bezug auf das Gesundheitssystem? 

Die Gutachter kommen zu dem Ergebnis, dass ein Euro, der für Selbstmedikation ausgegeben wird, 12 Euro für die gesetzliche Krankenversicherung an Ressourcen einspart. Mit jedem Euro, der für die Selbstmedikation ausgegeben wird, spart die Volkswirtschaft zusätzliche 3 Euro (durch vermiedene Warte und Wegezeiten). Aus gesellschaftlicher Perspektive ergibt sich somit mit jedem Euro der für die Selbstmedikation ausgegeben wird, eine Einsparung von 15 Euro.

Unter der Voraussetzung, dass Selbstmedikation als Alternative zu einem Arztbesuch möglich ist, werden also durch eine Umsteuerung vom Arzt in die Apotheke erhebliche Effizienzreserven freigesetzt. Diese Aussage ist im volkswirtschaftlichen bzw. wohlfahrtsökonomischen Sinne so zu verstehen, dass knappe Ressourcen freigesetzt werden, denen ein ökonomischer Wert zugeordnet wird, die somit für eine alternative Verwendung zur Verfügung stehen. Basierend auf dieser Annahme berechnen die Gutachter, dass Selbstmedikation im bereits heute praktizierten Umfang für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) Ressourcen im Umfang von 20,6 Mrd. Euro einspart (davon 17,9 Mrd. Euro für die ambulante ärztliche Versorgung und 2,71 Mrd. Euro für verordnete Arzneimittel). Mit anderen Worten, würde es keine Selbstmedikation geben, müssten diese Ressourcen von der GKV aufgewendet werden. Die knappe und wertvolle Ressource ärztlicher Zeitkapazitäten wird heute schon durch Selbstmedikation um rund 108 Mio. Stunden pro Jahr entlastet. Dies entspricht einem Zeitäquivalent von 51 Tausend Vollzeit beschäftigten Ärzten.

Was bringt und was kostet Selbstmedikation in Deutschland in Bezug auf die Volkswirtschaft?

Wenn eine leichte Gesundheitsstörung mit einer apothekengestützten Selbstbehandlung anstelle einer ärztlichen Konsultation versorgt wird, spart der Patient und damit in der Regel auch der Arbeitgeber erbliche zeitliche Ressourcen. Die Gutachter haben errechnet, dass Selbstmedikation bereits heute volkswirtschaftliche Produktivitätsverluste in Höhe von 4,9 Mrd. Euro vermeidet (durch weniger AU- und therapiebedingte Arbeitsausfälle).

Was bringt und was kostet Selbstmedikation in Deutschland in Bezug auf den Verbraucher/ Patienten?

Für den Fall, dass eine apothekengestützte Selbstbehandlung eine gleichwertige Alternative zum Arztbesuch ist, spart der Patient erhebliche Zeitressourcen. Statt gut 2 Stunden (131 Min)  benötigt er für eine Selbstbehandlung nur knapp 10 Minuten. Er zahlt durchschnittlich 0,66 €* mehr für die Selbstbehandlung mit OTC-Arzneimitteln. Dieser Wert berücksichtigt bereits die Fälle, in denen Patienten sich aus bereits vorhandenen Beständen im eigenen Haushalt („Hausapotheke“) versorgen.

*(Die 0,66 € berücksichtigen noch nicht die im Rahmen der GKV-Finanzreform geplante erhöhte Patientenzuzahlung, woraus sich eine noch günstigere Bilanz für die Selbstmedikation ergeben wird.)

Wer profitiert von mehr Selbstbehandlung?

Letztlich profitieren auf lange Sicht alle Beteiligten (Patienten, Ärzte, Apotheker, Kostenträger und die Volkswirtschaft) und damit insgesamt das Gesundheitssystem und die Gesellschaft. 

 

Notwendige Maßnahmen

Welche Rahmenbedingungen sind zu verändern, um die Selbstmedikation zu stärken?

Selbstmedikation kann auf zwei Wegen gestärkt werden:

  1. Statt eines Arztbesuches wird eine, idealerweise apothekengestützte, Selbstmedikation angewendet.

  2. Statt Hausmittel oder Abwarten wird Selbstmedikation angewendet.

Die Analyse befasst sich mit dem 1. Szenario und identifiziert als Motive für einen Arztbesuch bei leichten Gesundheitsstörungen u.a. die Ausstellung einer AU-Bescheinigung, die Unsicherheit, ob nicht doch ein Arztbesuch notwendig ist, und den Wunsch nach einer ärztlichen Arzneimittelverordnung, um Kosten zu sparen. 

Wie sind die Rahmenbedingungen zu verbessern, um die Selbstmedikation zu stärken? Welche Anreize können gesetzt werden?

Den unterschiedlichen Motiven für einen Arztbesuch bei leichten Gesundheitsstörungen kann mit unterschiedlichen Maßnahmen begegnet werden: 

  • Unsicherheit, ob ein Arztbesuch notwendig ist:

Information und Aufklärung führen mittelfristig dazu, dass Patienten selbstbestimmter über eine Selbstbehandlung entscheiden können. Zugleich leistet das Gespräch in der Apotheke einen wichtigen Beitrag zu einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz. 

  • Kostenersparnis durch Arzneimittelverordnung:

Dem Wunsch nach einer Kostenübernahme der ärztlichen Verordnung durch die Krankenkasse kann durch Patientenaufklärung begegnet werden. So gewinnen Patienten enorm viel Zeit. Ein Arztbesuch kostet sie mit 131 min etwa 13 mal so viel Zeit wie ein Apothekenbesuch (10 min). Für Menschen denen es ökonomisch nicht möglich ist die Mehrkosten einer Selbstmedikation zu tragen, sollte es eine soziale Absicherung durch die GKV geben. Dies ließe sich durch die erheblichen Gesamt Einsparungen von Mehr Selbstmedikation finanzieren.

Was sind die Stellschrauben um die Selbstmedikation zu stärken?

Die Analyse zeigt deutlich, dass für eine weitere Stärkung von Selbstmedikation an erster Stelle ein größeres Bewusstsein bei allen im Gesundheitswesen beteiligten Parteien für den gesamtgesellschaftlichen und gesundheitsökonomischen Nutzen von Selbstmedikation erforderlich ist. Nur so entsteht eine Bereitschaft in der Politik, Rahmenbedingen zu schaffen und Anreize für mehr Selbstmedikation setzen.

Anreize könnten beispielsweise sein: 

  • Den Menschen deutlich zu machen, das Sie in vielen Fällen alltäglicher leichter Gesundheitsstörungen sehr viel Zeit sparen bei gleichwertiger Versorgung, wenn Sie zuerst in eine Apotheke gehen anstatt zum Arzt. 
  • Anreize für Arzneimittelhersteller, etwa durch transparentere und effizientere Verfahren, so dass sie mehr innovative Switches in den Markt bringen.  
  • Mittelfristig eine verbesserte Gesundheitserziehung der Bevölkerung in Schulen/ Ausbildung.
  • Anreize seitens Arbeitgeber das erst ab dem 3. oder 4. Tag eine AU-Bescheinigung erforderlich ist.


Wie, und von wem können Anreize zur Stärkung der Selbstmedikation finanziert werden?

Die skizzierten Anreize und Maßnahmen (mehr innovative OTC-Produkte durch effizientere  Switch Verfahren, AU-Bescheinigungen, Gesundheitsbildung und Information, …) erfordern mehr eine (gesamtgesellschaftliche) Verhaltens- und Bewußtseinsänderung als den Einsatz finanzieller Ressourcen. 
 

Auswirkungen Beteiligte

Wer wäre von welchen potenziellen Maßnahmen bei mehr Selbstmedikation statt Arztkontakten betroffen?

In der Analyse rechnen die Autoren damit (V2, S. 24), dass in 100 Mio. Fällen Menschen  mit leichten Gesundheitsstörungen nicht zum Arzt, sondern in die Apotheke gehen. Unter der Annahme, dass nicht mehr Geld ins System kommt:

  • Gewinnen Ärzte Zeit für schwerwiegender erkrankte Patienten
  • Gewinnt die GKV Einsparungen ( weniger Arzt, Arzneimittel- und Verwaltungskosten)
  • Gewinnt die GKV eine effizientere Mittelverwendung der „Ressource Arzt“ für schwerwiegendere Erkrankungen 
  • Gewinnen Apotheker nachhaltige Reputation als erster Ansprechpartner in der Gesundheitsversorgung und die Chance diese Rolle ökonomisch weiter auszubauen auch im Wettbewerb zu anderen OTC-Vertriebskanälen.
  • Haben Patienten einen sehr geringen monetären Mehraufwand (+ 0,66 €) bei gleichzeitiger erheblicher Zeitersparnis (10 min für die apothekengestützte Selbstbehandlung versus 131 min für die Arzt Behandlung).


Für wen können welche Nachteile von mehr Selbstmedikation entstehen?

Zwar lassen sich für einzelne Akteure Nachteile benennen, aber diesen lassen sich auch neu gewonnene Vorteile zuordnen. Dies ist eine der Kernbotschaften im Gutachten: 

Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind nicht isoliert, sondern immer im Gesamtkontext Gesellschaft und Gesundheitssystem zu betrachten.

  • Finanzielle Nachteile für Ärzte: Diese verlieren möglicherweise sogenannte „Verdünner-Patienten“. D.h. solche Patienten, die nur einmal pro Quartal wegen einer leichten Gesundheitsstörung kommen und für welche der Arzt dieselbe Pauschale erhält wie für die Patienten, die mehrfach im Quartal kommen. Demgegenüber gewinnen die Ärzte den Vorteil, ihre knappe Zeit effektiver für medizinisch notwendigere Fälle einsetzen zu können oder die eingesparte Zeit in Freizeit umzuwandeln.
  • Finanzielle Nachteile für Apotheker: Diese verlieren Margen, wenn statt verschreibungspflichtiger Arzneimittel rezeptfreie Arzneimittel verkauft werden. Sie haben aber den Vorteil, dass ein Mehr an apothekengestützter Selbstmedikation eine strategische Stärkung ihrer Rolle im Gesundheitswesen und auch die Option für einen weiteren Ausbau im Wettbewerb mit anderen OTC-Vertriebskanälen bedeutet.
  • Nachteile für Patienten: Theoretisch können Patienten medizinische Nachteile entstehen, wenn sie Selbstmedikation betreiben, obwohl ein Arztbesuch notwendig ist. Daher wird im Gutachten die apothekengestützte Selbstmedikation betrachtet. Der Apotheker kann und muss als Heilberuf im Zweifel darauf hinwirken, wenn ein Arztbesuch anstelle von Selbstmedikation erforderlich ist, so dass faktisch ein medizinischer Nachteil nach Aussage der Autoren nicht realistisch ist.

 

Berechnungsmodelle

Wie errechnet sich das Verhältnis 1 Euro Selbstmedikation spart 12 Euro?

Die Autoren beziffern die Kosten aus Perspektive der GKV für eine leichte Gesundheitsstörung beim Arzt auf 54,56 Euro. Für den alternativen Fall einer Selbstmedikation dieser leichten Gesundheitsstörung gehen die Gutachter von 4,65 Euro aus, die der Patient für die OTC-Arzneimittel zahlt. D.h. es fallen das 12-fache der Kosten für einen Arztbesuch gegenüber Selbstmedikation an. 

Zur Berechnung der Kosten für die Selbstmedikation wurde nicht nur der durchschnittliche Preis eines OTC-Arzneimittels herangezogen, sondern auch Ergebnisse einer repräsentativen Befragung ( aus dem Gutachten 2016) wie oft auf bereits in der Hausapotheke vorhandene OTC-Arzneimittel zurückgegriffen wird. 

Wie berechnen sich die heute schon durch Selbstmedikation erzielten „Einsparungen“ von 17,9 Mrd. Euro für die GKV?

Die Autoren beziehen sich in ihrem Berechnungsmodell darauf, dass im Jahr 2025, 731  Mio. apothekenpflichtige Arzneimittel in Selbstmedikation in Apotheken verkauft wurden. Unter der theoretischen Annahme, dass es keine Selbstmedikation gäbe, gehen sie davon aus, dass knapp die Hälfte dieser Packungen über einen Arztkontakt bezogen würden. Daraus ergäben sich 329 Mio. zusätzliche Arztfälle. Wenn diese 329 Mio. Arztfälle mit den 54,56  Euro pro Arzt Fall einer leichten Gesundheitsstörung multipliziert werden, so ergäben sich (theoretische) Mehrausgaben von 17,9 Mrd. Euro, bzw. anders formuliert spart Selbstmedikation heute diesen Betrag den die GKV aufwenden müsste wenn es keine Selbstmedikation gäbe.

Wie berechnen sich die heute schon durch Selbstmedikation erzielten „Einsparungen“ von 4,9 Mrd. Euro für die Volkwirtschaft?

Die Kosten für die Volkswirtschaft pro Arztkontakt einer leichten Gesundheitsstörung beziffern die Autoren auf 14,91 Euro (AU-bedingte Arbeitsausfälle und therapiebedingte Arbeitsausfälle). Das heißt 329 Mio. x 14,91 Euro = 4,9 Mrd. Euro.

Wie berechnen die Autoren das von ihnen postulierte Einsparpotenzial von 5,5 Mrd. Euro für die GKV und 1,5 Mrd. Euro für die Volkswirtschaft durch mehr Selbstmedikation?

Die Autoren gehen von einem Szenario aus, bei dem in 100 Mio. Fällen Menschen statt zum Arzt zu gehen bei einer leichten Gesundheitsstörung alternativ eine apothekengestützte Selbstbehandlung durchführen würden. Bei mehr als 10 Arztkontakten pro Bundesbürger pro Jahr müsste also nur etwa ein Zehntel weniger Arztkontakte stattfinden.

Unter der Annahme, dass durch Umsteuerungsmaßnahmen 100 Mio. Fälle nicht mehr zum Arzt gehen würden, sondern Selbstmedikation betreiben würden, wären dies: 

100 Mio. x 54,56 Euro (Kosten pro Arztkontakt) = 5,5 Mrd. Mrd. Euro (Ressourceneinsparung für die GKV; ). 

Die Kosten für die Volkswirtschaft pro Arztkontakt einer leichten Gesundheitsstörung beziffern die Autoren auf 14,91 (AU-bedingte Arbeitsausfälle und therapiebedingte Arbeitsausfälle). Das heißt 100 Mio. x 14,91 Euro = 1,5 Mrd. Euro (Ressourceneinsparung für die Volkswirtschaft).

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