März 2026

Krisenresilienz in der Arzneimittelversorgung – Position von Pharma Deutschland

Lieferengpässe und wachsende geopolitische Abhängigkeiten setzen die Arzneimittelversorgung unter Druck. Während die Politik mit dem neuen Gesundheitssicherstellungsgesetz reagiert, fordert Pharma Deutschland klare Strukturen statt nationaler Alleingänge. Erfahren Sie in unserem Q&A, wie strategische Bevorratung und europäische Kooperation die Versorgung von morgen sichern können.

Die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung in Krisenzeiten ist längst kein Nischenproblem mehr, sondern ein zentrales Thema in Politik, Medien und Gesellschaft. Im Herbst 2025 waren in Deutschland kontinuierlich über 550 Arzneimittel knapp, und das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung verzeichnete für das Jahr 2025 insgesamt 1.514 Lieferengpassmeldungen zu mehr als 1.000 einzelnen Engpässen – besonders betroffen: Psychopharmaka und Antibiotika. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken kündigte im Februar 2026 an, noch im Sommer einen Entwurf für ein Gesundheitssicherstellungsgesetz vorzulegen, das die Versorgung der Zivilbevölkerung auch im Verteidigungs- oder Krisenfall absichern soll. Auf EU-Ebene haben das Europäische Parlament am 20. Januar 2026 seine Position zum Critical Medicines Act verabschiedet, und der Biotech Act trat im Dezember 2025 in Kraft (siehe Pressemeldung). Der geopolitische Druck wächst: Abhängigkeiten von Drittstaaten bei der Wirkstoffproduktion, fragile Lieferketten und ein national zersplittertes Krisenrecht rücken die pharmazeutische Industrie als systemrelevanten Akteur ins Zentrum der Debatte. Pharma Deutschland hat sich in diesem Prozess frühzeitig positioniert und klare Forderungen formuliert.

 

Q&A: Die Position von Pharma Deutschland zur Krisenresilienz

Warum ist das Thema Krisenresilienz in der Arzneimittelversorgung gerade jetzt so dringlich?

Die geopolitische Lage und wiederkehrende Lieferengpässe zeigen, wie verwundbar unsere Versorgungssysteme sind. Allein 2025 wurden über 1.000 Lieferengpässe gemeldet, während Abhängigkeiten bei der Wirkstoffproduktion von Drittstaaten das Risiko von Versorgungsausfällen dauerhaft erhöhen. Krisenresilienz ist keine Vorsorgeoption mehr – sie ist eine strategische Notwendigkeit.

Was fordert Pharma Deutschland auf nationaler Ebene konkret?

Pharma Deutschland fordert zunächst eine umfassende Bestandsaufnahme und anschließende Überarbeitung des bestehenden, stark fragmentierten nationalen Krisenrechts. Notwendig sind einfache, klar geregelte Strukturen mit kurzen Entscheidungswegen, ausreichend ausgebildetem Fachpersonal und technischen Einrichtungen für die Wirkstoffherstellung. Gleichzeitig muss der Beirat gemäß § 52b AMG als bestehendes Frühwarnsystem konsequent genutzt werden – er wird bei der Erarbeitung neuer Regelungen bislang zu wenig einbezogen.

Welche Rolle spielt die europäische Ebene für die Krisenresilienz der Arzneimittelversorgung?

Pharma Deutschland betont ausdrücklich: Keine nationalen Alleingänge – europäisch denken! Der Critical Medicines Act, der sich seit dem Parlamentsvotum vom 20. Januar 2026 in Trilog-Verhandlungen befindet, bietet wichtige Instrumente:  bessere Koordination zwischen Mitgliedstaaten und Reduzierung kritischer Abhängigkeiten. Ergänzend stärkt der Biotech Act die biopharmazeutischen Produktionskapazitäten in Europa und adressiert Abhängigkeiten bei Vorprodukten.

Wie bewertet Pharma Deutschland den geplanten nationalen Prozess zum Gesundheitssicherstellungsgesetz?

Die Initiative ist grundsätzlich richtig und notwendig. Allerdings hat die Erfahrung aus den BMG-Leitfragen vom September 2025 gezeigt, dass der Prozess noch erhebliche Schwächen aufweist: Die Antwortfristen waren mit rund acht Werktagen extrem knapp, der Beirat Lieferengpässe wurde nicht einbezogen, und es fehlten Querverweise auf europäische Maßnahmen wie den Critical Medicines Act. Eine echte Einbindung der Industrie muss frühzeitig, koordiniert und auf Augenhöhe erfolgen.

Was fordert Pharma Deutschland im Bereich Bevorratung und Beschaffung?

Nötig ist eine strategische, staatliche und dezentrale Beschaffung und Bevorratung kritischer Wirkstoffe, Arzneimittel und Medizinprodukte als Bulkware – das schafft Flexibilität im Krisenfall. Dazu gehört auch die Sicherstellung ausreichender Packmittel. Als Best-Practice-Modell verweist Pharma Deutschland auf die Schweiz, die hier bereits gut etablierte Strukturen unterhält. Strategische Bevorratung muss zudem durch regelmäßige Stresstests und Krisenübungen in staatlichen wie privaten Organisationen untermauert werden.

​Wie können Pharmaunternehmen selbst zur Krisenresilienz beitragen, ohne übermäßig belastet zu werden?

Pharmaunternehmen sind ausdrücklich bereit, ihren Beitrag zu leisten – durch die Identifizierung kritischer Wirkstoffe, die Prüfung von Produktionsverlagerungen in Deutschland und der EU über sogenannte „Trusted Centers" sowie die Mitarbeit in einer zu gründenden Task Force mit allen relevanten Stakeholdern. Gleichzeitig mahnt Pharma Deutschland: Unternehmen dürfen in wirtschaftlich ohnehin herausfordernden Zeiten nicht durch bürokratische Überforderung zusätzlich belastet werden. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht noch mehr Firmen und Produktionskapazitäten in Deutschland un Europa verlieren, weil es einfach wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist, hier zu produzieren oder zu investieren. Rechtssicherheit ist eine Grundvoraussetzung für unternehmerisches Handeln im Krisenfall.

​Welche konkrete Schritte strebt die Pharma Deutschland an?

Als unmittelbare Maßnahmen strebt Pharma Deutschland drei Dinge an: erstens die Identifizierung der wirklich systemkritischen Arzneimittel und Wirkstoffe für verschiedene Krisenszenarien; zweitens die Gründung einer stakeholderübergreifenden Task Force, die Strukturen schafft, bevor eine Krise eintritt; und drittens den Start einer Workshop-Reihe, um Erfahrungen und Best Practices aus Deutschland, Europa und der Schweiz zusammenzuführen. Der Grundsatz lautet: Nicht auf die nächste Krise warten – sondern heute handeln. Das können wir allerdings nicht allein, sondern brauchen Mitstreiter.

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