Frau Brakmann, Ende November fand die Mitgliederversammlung von Pharma Deutschland statt. Was sind die zentralen Themen, die die Branche derzeit umtreiben?
Es gibt derzeit drei Herausforderungen, die unsere Mitgliedsunternehmen beschäftigen und auf der Jahrestagung unseres Verbandes intenisv diskutiert wurden. Zum einen geht es um die Versorgungssicherheit. Das Problem ist nicht neu, aber die Situation verschärft sich immer mehr. Wir brauchen in Deutschland und Europa ein Rezept, wie wir für stabile Lieferketten sorgen und die verlässliche Verfügbarkeit von Arzneimitteln wiederherstellen können. Das zweite Schwerpunktthema war die Frage, wie Deutschland und Europa als Innovations-, Forschungs- und Produktionsstandort attraktiv bleiben? Und last but not least wurde diskutiert: Wie schaffen wir es, dass moderne, hochkomplexe und zunehmend personalisierte Therapien für kleine Patientengruppen angemessen erstattet werden können?
Wie fassen Sie die Stimmungslage der Mitgliedsunternehmen kurz und knackig zusammen?
Die Stimmungslage lässt sich am besten mit wachsamem Optimismus beschreiben. Das heißt, die Unternehmen investieren und wollen gestalten. Dafür brauchen sie aber verlässliche Rahmenbedingungen. Viele Akteure setzen große Hoffnung auf die Ergebnisse des multidisziplinären Pharmadialogs, bei dem nicht nur das Bundesministerium für Gesundheit, sondern auch das Wirtschafts- und Forschungsministerium aktiv eingebunden sind. Das lässt sehr hoffen, dass von den politisch Verantwortlichen erkannt wurde, dass wir wirklich dringend Lösungen brauchen, um als Standort nicht den Anschluss im globalen Wettbewerb zu verlieren.
Wie lauten die drei wichtigsten „Messages“, die Sie für Ihre Arbeit bei Pharma Deutschland mitgenommen haben?
Eine vielzitierte Message ist, dass wir den politischen Dialog brauchen. Aber zentral sind jetzt schnelle und nachhaltige Entscheidungen. Neben den Lippenbekenntnissen sind echte Signale für die industrielle Gesundheitswirtschaft notwendig, damit sie weiter als Wachstumsmotor für den Standort Deutschland fungieren kann. Grundvoraussetzung sind neben einem deutlichen Bürokratieabbau verlässliche Richtlinien und Rahmenbedingungen.
Wie lautet die dritte Botschaft?
Versorgungssicherheit und modernes AMNOG müssen zusammen gedacht und verändert werden. Die Arzneimittel-Lieferprobleme beschränken sich längst nicht mehr nur auf den generischen Bereich, inzwischen gibt es auch Schwierigkeiten bei innovativen Therapien. Wir müssen jetzt entscheiden, ob wir wieder die Apotheke der Welt werden und bei den Life Sciences an die Weltspitze aufschließen wollen oder weiter zurückfallen wie es im Bereich der klinischen Studien schon geschehen ist. In den nächsten Monaten werden die Weichen in Richtung Zukunft gestellt – entsprechend müssen wir jetzt klare Entscheidungen treffen.
Schwerpunktthemen der Mitgliederversammlung waren „Standort“ und „Versorgung“. Lassen Sie uns diese beiden Themen etwas genauer beleuchten. Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen in Bezug auf Innovations-, Forschungs- und Produktionsstandort der Pharmaund BioTech-Industrie in Deutschland und Europa?
Eines der größten Hemmnisse ist wie bereits erwähnt die überbordende Bürokratie. Wenn wir den europäischen Markt betrachten, müssen wir konstatieren, dass wir ein äußerst fragmentiertes System haben. Länder wie China oder die USA sind allein durch ihre Größe und einheitlichen Marktbedingungen attraktiv. Für uns bedeutet das, dass wir diese nicht vorhandenen einheitlichen Marktzugänge und -größe mit alternativen Vorteilen kompensieren müssen. Eine weitere Herausforderung ist der akute Fachkräftemangel. Gerade in den hochspezialisierten Bereichen wie Analytische Chemie, GMP und Regulatory Affairs brauchen wir dringend gut ausgebildete Fachleute.
Welche weiteren Hürden nehmen Sie wahr? Mit dem Most Favorite Nations Act holt US-Präsident Trump die innovativen Unternehmen zurück ins Land. Man kann sich darüber streiten, ob man die brachialen Mittel, die er dafür anwendet, gut oder schlecht findet. Aber das ist nicht das Thema – wir müssen Antworten auf diese veränderten Situationen finden. Lamentieren führt uns nicht weiter, wir müssen selbst Tatsachen schaffen.
Gibt es positive Entwicklungen in den zurückliegenden Jahren, die Sie hoffnungsvoll stimmen?
Diese veränderten geopolitischen Realitäten sollten wir als Weckruf betrachten und ins Handeln kommen. Wir müssen uns wieder auf unsere eigenen Stärken besinnen. Das haben wir in den vergangenen Jahren möglicherweise etwas verlernt und uns zu sehr auf eine vermeintliche Sicherheit verlassen.
Positiv bewerte ich, dass der politische Fokus verstärkt auf die Pharma- und Medizintechnik-Industrie gerichtet ist. Als Branche stehen wir für Wirtschaftswachstum. Und das ist exakt das, was wir im Moment wirklich brauchen. Jens Spahn hat das einmal so formuliert, dass Wirtschaftswachstum die beste Sozialpolitik sei. Einen kleinen Wermutstropfen sehe ich dennoch. Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob dieser politische Fokus und Impuls auch schon bei den Behörden angekommen ist.
Welche konkreten Handlungsempfehlungen haben Sie, um den Standort langfristig zukunftsfähig zu gestalten?
Wir müssen endlich davon wegkommen, Gesundheitsausgaben ausschließlich als Kostenfaktor zu betrachten. Sobald wir in eine wirtschaftliche Krise geraten, agieren wir nach dem althergebrachten Muster, nämlich erst einmal den Rotstift anzusetzen. Doch den Fokus ausschließlich auf Sparmaßnahmen zu setzen, hat uns in diese Lage gebracht. Vermieden wurden jedoch tiefgreifende Strukturreformen, um unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem zukunftsfähig zu gestalten. Das ist in der heutigen Situation dringend erforderlich – doch für diese Entscheidungen und Schritte braucht es Mut und Entschlossenheit. Gleichzeitig haben wir im Gesundheitssystem zahlreiche Effizienzreserven. Diese gilt es zu heben – auch dafür sind Mut und Entschlossenheit von den politisch Verantwortlichen gefragt. Es müssen sicherlich auch unbequeme Entscheidungen getroffen werden – aber ständiges Aufschieben macht die Situation auf Dauer nur schlimmer.
In dem Kontext sollten wir auch den Blick auf das AMNOG richten. Diverse Akteure fordern eine Optimierung des „in die Jahre gekommenen“ Gesetzes, um den medizinischen Fortschritt adäquater abbilden zu können. An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, um das AMNOG ebenfalls zukunftsfähig weiterzuentwickeln?
Das AMNOG sollten wir erstmal wieder zu seiner ursprünglichen Absicht und Ausgangssituation zurückentwickeln. Mittlerweile wird es hauptsächlich als Kostendämpfungsinstrument – Stichworte Leitplanken und Kombirabatte – und weniger als Innovationsförderungsgesetz genutzt. Wir müssen wieder dahin zurückkommen, dass der Preis dem Nutzen folgt. Nach 15 Jahren ist das AMNOG tatsächlich etwas aus der Zeit gefallen mit Blick auf den medizinischen Fortschritt. Therapien werden immer personalisierter und neue Möglichkeiten, wie Gen- und Zelltherapien, kommen verstärkt auf den Markt und in die Versorgung. Dafür brauchen wir überarbeitete und angepasste Bewertungsmethoden, wie beispielweise auch die zunehmende Nutzung und Anerkennung von Real-World-Daten.
Wie lauten Ihre Ideen und Lösungen, um dabei allen Akteuren im System gerecht zu werden?
Das AMNOG steht für zuverlässige Bewertung und schnelle Inmarktbringung von innovativen Therapien. Um das zukunftfähig zu erhalten, brauchen wir mit Blick auf die innovativen Therapien differenziertere Erstattungsmodelle. Ich bin nicht naiv und weiß um die angespannte Finanzlage. Eine Lösung könnte deshalb lauten, dass beide Seiten – also Industrie und GKV – ins finanzielle Risiko gehen, also die Nutzung von Outcome-basierten Erstattungsmodellen oder Pay-for-Performance. Wir sollten das Nutzen-Risiko fair verteilen und dafür neue Erstattungsmodelle anwenden. Diese sind schwieriger zu monitoren, aber wir haben immer weniger One-Fits-All-Therapien. Somit sind auch One-Fits-All- Erstattungen nicht mehr zielführend.
Schauen wir auf den zweiten Themenschwerpunkt „Versorgung“. Pharma Deutschland macht regelmäßig Umfragen zur Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem. Wie hat sich die Stimmungslage in den vergangenen Jahren gewandelt?
In unseren Umfragen sehen wir deutlich, dass sich die Menschen zunehmend Sorgen um das Gesundheitssystem und ihre Versorgung machen. Zum einen ist das der Berichterstattung, aber auch der eigenen Wahrnehmung geschuldet. Die Menschen erleben lange Wartezeiten für einen Facharzttermin oder Arzneimittelengpässe. Ein Großteil der Bevölkerung beschreibt das System als überlastet. Was natürlich auch stimmt, denn in unserer alternden Gesellschaft sind entsprechend mehr Menschen in der Versorgung. Auf diese demografische Entwicklung brauchen wir Antworten.
Wo sehen Sie Potenziale zur Verbesserung der Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem?
Wir müssen endlich die zahlreichen Effizienzmöglichkeiten, die im System vorhanden sind, heben und althergebrachte Strukturen aufbrechen. Dazu zählt die verstärkte Zusammenarbeit über die Sektorengrenzen hinweg. Darüber hinaus sind alle Akteure gefragt, gemeinsam anzupacken und endlich auch die Potenziale der Digitalisierung konsequent zu nutzen. Apothekerinnen und Apotheker könnten stärker in den Versorgungsprozess eingebunden werden, als Beispiel möchte ich das Impfen in den
Apotheken anführen. Auch in OTC-Switches sehe ich enorm viel Potenzial, denn im Vergleich zu anderen Ländern haben wir noch viele Arzneimittel in der Erstattung, die dort längst in der Selbstmedikation sind.
Mitte November fand die Auftaktveranstaltung zum Pharmadialog statt. Was stimmt Sie nach dem Auftakt positiv, dass dieses Format nachhaltige Ideen und Lösungen auf den Weg bringen wird?
Positiv stimmt mich, dass wir beim Pharmadialog interministeriell denken und gleichzeitig die Federführung beim Kanzleramt liegt – also die Bedeutung der industriellen Gesundheitswirtschaft wahrgenommen wird.
Bei aller positiven Stimmung möchte ich aber davor warnen, dass wir uns im Klein-Klein verlieren und ausschließlich über die Kosten diskutieren, die das System verursacht. Wir dürfen nicht nur die Themen der Vergangenheit auf den Tisch bringen und erneut an kleinen Stellschräubchen drehen mit kurzfristigen Effekten. Wir müssen das große Ganze in den Blick nehmen und aus allen Perspektiven betrachten, nur so kommen wir zu zukunftsfähigen und langfristigen Lösungen.
Es wurde schon oft gesagt: Wir haben im Gesundheitssystem kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem. Genau an diesem Punkt müssen wir ansetzen. Also keine weiteren Absichtserklärungen, sondern konkrete Ergebnisse. Wir müssen jetzt sehr schnell ins Tun und Handeln kommen, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können.
Wie lauten Ihre wichtigsten Forderungen für das Jahr 2026 an die politisch Verantwortlichen in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Forschung, zur Zukunftssicherung des Standortes wie auch des Gesundheitssystems?
Für 2026 wünsche ich mir drei Dinge: Geopolitisch müssen wir die neuen Realitäten anerkennen und unsere eigene verbindliche Standortstrategie definieren und umsetzen – dazu zählen spürbare Erleichterungen für Forschung & Entwicklung sowie Produktion in Deutschland und Europa. Darüber hinaus brauchen wir ein modernes und flexibles Erstattungssystem für innovative Therapien.
Und drittens müssen wir verstärkt in Fachkräfte und unsere gesamte Infrastruktur investieren – das reicht von qualifizierten Fachkräfteprogrammen bis hin zu einer interoperablen digitalen Gesundheitswelt, die alle Akteure einbindet. Wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir zu einem global führenden Gesundheitsund Healthcare-Standort werden.
Das Interview führte Jutta Mutschler, Chefredakteurin Market Access & Health Policy.
Ausgabe 01/2026 market access & health policy