Frau Brakmann, immer wieder ist von einer „Explosion" der Arzneimittelkosten die Rede. Stimmt das?
Nein – und ich sage das nicht als Schutzbehauptung, sondern weil die Datenlage eindeutig ist. Der Herstelleranteil an den Gesundheitsausgaben trägt rund zwölf Prozent. Dieser Wert ist seit 1992 stabil. Die volumengewichteten Preise sind zuletzt um 0,8 Prozent gesunken. Herstellerabschläge haben allein im vergangenen Jahr 29 Milliarden Euro eingespart. Hinzu kommen in dieser Legislaturperiode Patentabläufe, die noch einmal rund sechs Milliarden Euro an Einsparungen bringen werden. Das Narrativ der „Kostenexplosion" taucht immer dann auf, wenn Sparmaßnahmen politisch gerechtfertigt werden sollen. Zuletzt war das bei der Einführung der Hepatitis-C-Medikamente so. Aber es stimmt schlicht nicht.
Trotzdem steht die GKV unter enormem Druck. Wie erklären Sie sich das?
Der Druck ist real – aber seine Ursachen liegen woanders. Demografie, steigende Löhne im Gesundheitswesen, wachsende medizinische Möglichkeiten: Das sind die eigentlichen Treiber. Die Pharmaindustrie muss dabei oft als bequemer Sündenbock und kurzfristiger Geldgeber durch erhöhte Rabatte herhalten. Dabei ignoriert man, dass Arzneimittel oft die günstigste Intervention im Gesundheitssystem sind. Ein Patient, der mit einem modernen Medikament gut eingestellt ist, muss seltener ins Krankenhaus, braucht weniger Reha, fällt kürzer aus. Diese Rechnung wird selten aufgemacht.
Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Probleme in der deutschen Arzneimittelpolitik?
Es gibt drei große Baustellen. Erstens die Frage der Versorgungssicherheit: Lieferketten sind zu abhängig von einzelnen Lieferanten und Produzenten, oft in Fernost. Zweitens die Frage der Innovationszugänglichkeit: Kommen neue Therapien überhaupt noch nach Deutschland? Und drittens – und das ist neu, aber enorm relevant – die globale Preisdynamik durch die amerikanische Politik.
Sie sprechen die amerikanische Politik an. Was genau meinen Sie damit?
Das Most-Favored-Nation-Prinzip der Trump-Administration. Es bedeutet: Was Deutschland als Erstattungsbetrag für ein Arzneimittel festlegt, wird direkt als Referenz für den amerikanischen Preis herangezogen. Konkret: Drücken wir den deutschen Preis, drücken wir gleichzeitig den US-Preis mit nach unten. Und die USA machen rund 65 Prozent des Umsatzes vieler Pharmaunternehmen aus – Deutschland gerade einmal drei Prozent. Kein Unternehmen wird seinen größten Markt zu deutschen Preisen beliefern. Die Konsequenz: Unternehmen ziehen sich zurück – aus dem deutschen Markt, mit Arzneimitteln und mit Investitionen.
Ist das nicht etwas dramatisch formuliert?
Ich wünschte, es wäre nur Dramatik. Aber wir sehen es bereits: Mehr und mehr Innovationen werden für Deutschland auf Eis gelegt. Markteinführungen verzögern sich oder finden schlicht nicht statt. Andere Länder handeln bereits: Großbritannien hat Lösungen entwickelt, um Innovationen zu stützen und Investitionen anzuziehen. China hat das jüngst ebenfalls getan. Deutschland diskutiert derweil, ob man den Herstellerabschlag erhöhen soll. Das ist erstaunlich rückwärtsgewandt.
Was sollte Deutschland stattdessen tun?
Vor allem ehrlich sein. Rabattverträge zum allerniedrigsten Preis und Versorgungssicherheit passen nicht zusammen. Das Beispiel Kinderarzneimittel hat das bewiesen: Als der Preisdruck herausgenommen wurde, konnten Hersteller wieder in Europa investieren und Lieferketten diversifizieren. Das hat funktioniert. Diesen Weg müssen wir weiterdenken. Und auch Forschung und Entwicklung hat ihren Preis. Gleichzeitig gibt es echte Effizienzpotenziale, die bislang kaum gehoben werden. Etablierte, bewährte Arzneimittel sollten aus der Verschreibungspflicht entlassen werden. Patienten könnten direkt in die Apotheke gehen, statt stundenlang im Wartezimmer zu sitzen. Das Einsparpotenzial beläuft sich auf vier Milliarden Euro jährlich – real, ohne Systemschaden.
Sie haben auch Risikopartnerschaften ins Gespräch gebracht. Was steckt dahinter?
Das ist ein Angebot, das ich für sehr bedeutsam halte. Wir sagen als Branche: Bei hochpreisigen Arzneimitteln könnten wir uns vorstellen, mit ins Risiko zu gehen. Das ist ein großer Schritt, denn die Übernahme von Risiken ist eigentlich der Kern der gesetzlichen Krankenversicherung – nicht Aufgabe eines Herstellers. Wir tun es trotzdem, weil wir zeigen wollen: Wir sind nicht Teil des Problems. Wir wollen Teil der Lösung sein.
Der Koalitionsvertrag nennt das Ziel, Deutschland zum Biotech-Standort Nummer eins zu machen. Wie realistisch ist das?
Es ist realistisch – aber nur, wenn die Politik endlich in dieselbe Richtung schaut wie das Ziel, das sie sich selbst gesetzt hat. Ich verstehe, dass die GKV keine Standortpolitik betreiben kann. Das akzeptieren wir vollständig. Aber der Umkehrschluss muss dann auch gelten: Maßnahmen, die dem Ziel der Standortsicherung direkt entgegenstehen, dürfen nicht umgesetzt werden. Höhere Herstellerabschläge, Kombinationsabschläge, algorithmische Preissenkungen – das alles bewegt sich in die falsche Richtung. Deutschland hat das Potenzial, führend zu sein. Aber Potenzial allein reicht nicht. Es braucht Rahmenbedingungen, die Forschung, Investitionen und Innovation überhaupt erst ermöglichen.