Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorsitzender der KV Niedersachsen, betonte die Bedeutung einer verbindlichen Steuerung über Primärärztinnen und -ärzte sowie einer digitalen Ersteinschätzung. Ein neues System müsse auch außerhalb regulärer Sprechstunden einen verlässlichen Zugang zur Versorgung gewährleisten. Dafür brauche es definierte Versorgungsaufträge, ein angepasstes Vergütungssystem und eine ausreichende Vorlaufphase. Sein Anliegen: Der Gesetzentwurf müsse zügig vorliegen, für die praktische Umsetzung anschließend aber genügend Zeit bleiben.
Anke Rüdinger, Vorsitzende des Berliner Apothekervereins, verwies auf die wachsenden Herausforderungen: Künftig werde weniger Personal eine steigende Zahl von Patientinnen und Patienten versorgen müssen. Zugleich bestünden Lücken etwa bei Impfungen und in der regionalen Verteilung von Versorgungsangeboten. Eine patientenorientierte Primärversorgung müsse deshalb regionale Unterschiede berücksichtigen. Apotheken übernähmen bereits heute eine wichtige Lotsenfunktion und böten zahlreiche Leistungen an, von Ernährungsberatung über Blutuntersuchungen bis zu pharmazeutischen Dienstleistungen. Dieses Potenzial gelte es stärker zu nutzen und auszubauen.
Dr. Carola Reimann, Vorständin des AOK Bundesverbandes, stellte den Nutzen für die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt: Primärversorgung müsse dazu beitragen, dass Menschen schneller die passende Versorgung erhalten. Als Voraussetzungen nannte sie einen klar definierten Versorgungsauftrag, einen zentralen und niedrigschwelligen Zugang, die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten sowie digitale Angebote, die den Behandlungsprozess unterstützen.
Lutz Boden, Geschäftsführer OTC-Markt bei Pharma Deutschland, betonte die Bedeutung von Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung für eine zukunftsfähige Versorgung. Angesichts einer stagnierenden Wirtschaft und steigender Sozialabgaben wachse der Handlungsdruck. Um neue Handlungsspielräume zu schaffen, brauche es ein Umdenken: mehr Prävention, höhere Impfquoten und eine stärkere Befähigung der Menschen, Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu übernehmen.
In der anschließenden Diskussionsrunde unter der Moderation von Michael Hennrich, Geschäftsführer Politik bei Pharma Deutschland, sprach sich Dr. Lina Seitzl MdB (SPD, Gesundheitsausschuss) für eine Neuordnung des Gesundheitswesens aus, um hohe Kosten und ineffiziente Strukturen zu überwinden. Steffi Liebig (APOGEPHA Arzneimittel GmbH) betonte die Mitverantwortung der Pharmaindustrie: Unternehmen müssten den gesamten Medikationsprozess und die unterschiedlichen Versorgungsphasen mitdenken. Dafür brauche es eine klare Steuerung und nachvollziehbare Versorgungspfade. Reimann unterstrich, dass die Primärversorgung verlässlich durch ein zunehmend komplexes Gesundheitssystem führen müsse. Die Angebote der Beteiligten müssten dafür gut aufeinander abgestimmt sein.
Über die unterschiedlichen Perspektiven hinweg bestand breite Einigkeit über die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen mitzugestalten. Die Teilnehmenden sprachen sich für mehr Zusammenarbeit und Eigenverantwortung im Solidarsystem aus. Ein klarer Rahmen und eine gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelte Neuordnung sollen die Grundlage dafür schaffen, Patientinnen und Patienten bedarfsgerecht und verlässlich zu versorgen.