Seit dem Ende der Coronapandemie stagniert die deutsche Gesamtwirtschaft: 2023 und 2024 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt leicht, 2025 stand unter dem Strich nur ein Mini-Wachstum von 0,2 %, die Prognose für 2026 liegt bei lediglich 0,4 %. Hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten, Fachkräftemangel und eine anhaltend hohe Inflation bremsen Industrie und Konsum, während die Eurozone insgesamt schwach, aber doch robuster wächst.
Ganz anders die Pharmabranche: Sie verzeichnet steigende Produktion, wachsende Beschäftigung und hohe Investitionen in Forschung, Entwicklung und neue Anlagen. Nach Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft entfallen rund 3 % der Bruttowertschöpfung des deutschen Verarbeitenden Gewerbes auf die Pharmaindustrie, die Produktivität je Beschäftigten liegt mit gut 200.000 Euro deutlich über vielen anderen Industriezweigen. „Die Pharmaindustrie ist ein Wachstumsanker in einer sonst schwächelnden Industrie“, heißt es dazu in einer Branchenanalyse und diese Rolle gewinnt mit Blick auf den demografischen Wandel und den medizinischen Fortschritt weiter an Gewicht.
Die Beschäftigung in der Pharmaindustrie ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und das entgegen dem Trend in vielen anderen Industriebranchen. 2024 arbeiteten rund 133.000 Menschen in Unternehmen, die pharmazeutische Erzeugnisse herstellen, die Zahl der Beschäftigten lag damit leicht über dem Vorjahresniveau. Zählt man die gesamte chemisch-pharmazeutische Industrie, kommen rund 145.000 Erwerbstätige zusammen; Pharma Deutschland spricht von einem Jobgaranten innerhalb der industriellen Gesundheitswirtschaft.
Damit ist die Branche nicht nur ein wichtiger Träger hochqualifizierter Industriejobs, sondern auch ein zentraler Arbeitgeber für akademische Fachkräfte in MINT-Berufen und in der Gesundheitsforschung. Die forschenden Pharmaunternehmen allein beschäftigen rund 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland, davon mehr als 20.000 in Forschung und Entwicklung – ein Anteil, den kaum eine andere Industrie erreicht.
Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel spürbar - schon heute fehlen in pharmarelevanten Berufen rund 176.000 qualifizierte Kräfte. Besonders betroffen sind produktionsnahe Berufe wie Chemie- und Pharmatechnik, aber auch Forschung, Entwicklung und IT, in manchen Bereichen bleibt fast jede vierte Stelle unbesetzt.
„Wir sind eine Wachstumsbranche und unser größtes Risiko ist derzeit nicht fehlende Nachfrage, sondern fehlendes Personal“, warnt Dorothee Brakmann.
„Wenn es uns nicht gelingt, international Talente zu gewinnen, inländische Potenziale besser zu nutzen und Ausbildungskapazitäten auszubauen, drohen ausgerechnet in einer Schlüsselindustrie Engpässe, die Innovation und Versorgung bremsen.“
Die robuste Entwicklung ist kein Selbstläufer. Branchenvertreter warnen, dass Europa seinen Innovationsvorsprung in den Life Sciences bereits eingebüßt hat, während die USA und China ihre Position ausbauen. Die USA verfolgen eine klare "America First" Linie mit dem Ziel, die Arzneimittelpreise in den USA zu senken und die Produktion im eigenen Land zu stärken. Dabei geraten transatlantische Handelbeziehungen durch eine unberechenbare Zollpolitik zunehmend ins Wanken, deutsche Arzneimittelexporte werden gefährdet. Gleichzeitig wird die Senkung hoher Arzneimittelpreise in den USA mit extrem hoher Geschwindigkeit über Most favored nation vorangetrieben. Mit reellen Konsequenzen von Umsatzrückgängen, fehlenden Investitionsmitteln für Forschung und Entwicklung sowie Auswirkungen auf Markteintritte in anderen Ländern. Diese Entwicklungen werden den Makt langfristig und grundlegend verändern, denn hohe Arzneimittelpreise sind in den USA ein Dauerthema, welchem man sich bereits vor Trump mit dem Inflation Reduction Act angenommen hat.
China ist längst nicht mehr nur Werkbank, sondern investiert massiv in Biotechnologie und Hightech-Pharma und verzeichnet einen rasanten Anstieg von Patentanmeldungen. Deutsche Pharmaexporte sind außerdem stark auf einzelne Märkte konzentriert: Knapp ein Viertel aller Exporte pharmazeutischer Erzeugnisse gingen 2024 in die USA, was Chancen, aber auch Abhängigkeiten schafft.
„Andere Regionen setzen auf Geschwindigkeit, klare Prioritäten und massive Investitionsanreize“, sagt Brakmann.
„Wenn wir in Deutschland weiter auf Fragmentierung, lange Verfahren und ständig wechselnde Kostendämpfungsmaßnahmen setzen, wandern Forschung, klinische Studien und Produktionsentscheidungen dorthin ab, wo die Bedingungen verlässlicher sind.“
Neben dem globalen Wettbewerb belasten hausgemachte Faktoren die Unternehmen. Die Pharmaindustrie ist nach Einschätzung von Branchenökonomen die mit Abstand am stärksten mit bürokratischen Kosten belastete Industrie. Hinzu kommt die Fragmentierung des europäischen Binnenmarkts. Statt eines integrierten Marktes mit über 400 Millionen Menschen sehen Unternehmen 27 nationale Teilmärkte mit jeweils eigenen Regularien, insbesondere bei Digitalisierung und Datennutzung. Das erschwert es, Datensätze für Forschung zu bündeln, digitale Gesundheitsanwendungen auszurollen und Skaleneffekte in der Versorgung zu realisieren.
Brakmann fordert deshalb ein konsequentes Umdenken: „Wir brauchen ein Regulierungsmoratorium für Bürokratie, die keinen Mehrwert für Patientensicherheit oder Versorgungsqualität bringt.“ Effizienz, Standardisierung und digitale Verfahren müssten zur Leitlinie werden – vom Zulassungsverfahren über Preisverhandlungen bis hin zur Dokumentation in Klinik und Praxis.
Mit dem 2025 gestarteten Pharma- und Medizintechnikdialog reagiert die Bundesregierung auf die wachsende Bedeutung der industriellen Gesundheitswirtschaft. In mehreren Arbeitsgruppen werden derzeit Vorschläge zu Versorgungssicherheit, Finanzierung, Digitalisierung, klinischer Forschung, Produktionsbedingungen und Fachkräftesicherung diskutiert; sie sollen in eine nationale Pharma- und Medizintechnikstrategie einfließen, die bis Ende 2026 im Kabinett beschlossen werden soll. Allerdings liegt derzeit der Fokus zu sehr auf Kostendämpfung und wenig auf Standortsucherubg und Resilienz.
Parallel dazu arbeitet die von Prof. Jürgen Greiner geleitete FinanzKommission Gesundheit an Empfehlungen für eine dauerhaft tragfähige Finanzierung von GKV und Gesundheitswesen, deren zentrale Ergebnisse für Ende März angekündigt sind. Aus Branchensicht ist entscheidend, dass Sparvorschläge und Effizienzanreize nicht zulasten der Innovations- und Investitionsfähigkeit im Arzneimittelbereich gehen – und dass der Beitrag der Industrie zur Beschäftigungspolitik mitgedacht wird.
„Der Pharmadialog und die Greiner-Kommission entscheiden mit darüber, ob Deutschland die industrielle Gesundheitswirtschaft als Wachstumsprojekt begreift oder sie erneut vor allem als Kostenblock behandelt."
Es brauche klare Zusagen: keine weiteren kurzfristigen Belastungsgesetze für Arzneimittelhersteller, verlässliche Erstattungsregeln und gezielte Anreize für Investitionen in Forschung, Produktion, Digitalisierung und Qualifizierung.
Aus Sicht von Unternehmen und Verbänden zeichnet sich ein Bündel an nationalen, prioritären Handlungsfeldern ab: Erstens braucht es eine Innovationsstrategie, die Schlüsseltechnologien wie Biotechnologie, personalisierte Medizin und digitale Therapien systematisch stärkt – von der Grundlagenforschung über klinische Studien bis zum Marktzugang. Zweitens muss die Finanzierung von Start-ups und Wachstumsunternehmen verbessert werden, damit junge Firmen nicht in die USA oder nach Asien abwandern.
Drittens sind wettbewerbsfähige Energie- und Steuerbedingungen notwendig, um großvolumige Produktions- und Investitionsentscheidungen am Standort Deutschland zu halten. Viertens ist ein entschiedener Bürokratieabbau entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich, einschließlich beschleunigter Genehmigungen für Produktionsanlagen und klinische Studien sowie praktikabler Regelungen für Datennutzung und Registerforschung. Fünftens muss die Fachkräftesicherung zur zentralen Säule der Standortpolitik werden – mit schnelleren Anerkennungsverfahren, gezielter MINT-Förderung, lebenslangem Lernen und einer modernen Einwanderungspolitik für qualifizierte Fachkräfte.
„Jetzt ist die Zeit für große technologisch-medizinische Durchbrüche – aber sie werden nur dort stattfinden, wo der Staat sie nicht permanent ausbremst“, so Brakmann.
„Wenn Politik und Branche die Chance richtig nutzen, kann die Pharmaindustrie in den nächsten Jahren zu einem der wichtigsten Wachstumsmotoren Deutschlands werden – wirtschaftlich, beschäftigungspolitisch und gesundheitspolitisch.“