Redaktioneller Nachtrag:
Am 21. Januar 2026 hat das Europäische Parlament beschlossen, das EU‑Mercosur‑Freihandelsabkommen zur rechtlichen Prüfung an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) zu überweisen. Der Antrag wurde mit einer knappen Mehrheit von 334 Ja‑Stimmen, 324 Nein‑Stimmen und 11 Enthaltungen angenommen. Durch dieses Vorgehen kann sich der Ratifikationsprozess voraussichtlich um 18 bis 24 Monate verzögern.
„Für den Pharmastandort Deutschland eröffnet der Abbau von Handelshemmnissen zusätzliche Exportchancen, stärkt hochqualifizierte Arbeitsplätze und erhöht die Resilienz globaler Lieferketten, während Patientinnen und Patienten in Südamerika von einem breiteren und hochwertigen Therapieangebot profitieren“, erklärt Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland. Diese Vorteile werden durch den Abbau bislang teils zweistelliger Zollsätze auf Arzneimittel im Mercosur‑Raum zusätzlich verstärkt. „Wir erwarten, dass der Wegfall der bisherigen Zölle das Pharmageschäft mit Südamerika spürbar anschiebt, Investitionsanreize stärkt und die Arzneimittelversorgung in Südamerika verbessert“, so Brakmann weiter.
Gerade jetzt ist es für die Branche besonders wichtig, die Abhängigkeit Europas bei Arzneimitteln von China und Indien zu verringern und damit auch dem Thema Versorgungsengpässe entgegenzutreten. Analysen zu den pharmazeutischen Lieferketten sehen in der engeren Kooperation zwischen EU und Mercosur eine Chance, neue Produktions‑ und Lieferstrukturen aufzubauen und so Europa breiter und robuster aufzustellen.
Mercosur kann – bei soliden Schutzstandards – zu einem Wachstumsmarkt für innovative und generische Arzneimittel werden. Voraussetzung ist, dass Zölle sinken, Verfahren planbarer werden und geistiges Eigentum verlässlich geschützt ist. Schon heute gehören „basic pharmaceutical products and pharmaceutical preparations“ zu den wichtigen Warengruppen im Handel zwischen EU und Mercosur, insbesondere Fertigarzneimittel unter HS‑Code 3004.
„Angesichts einer alternden Bevölkerung und einer wachsenden Mittelschicht in Teilen Südamerikas rechnen wir mit Nachfragezuwachs bei Arzneimitteln gegen chronische onkologische und kardiovaskuläre Erkrankungen“, betont Brakmann. Für deutsche Pharmaunternehmen stehen dabei innovative patentgeschützte Arzneimittel, etwa in der Onkologie und Immunologie, Impfstoffe, biopharmazeutische Produkte sowie hochwertige Generika im Fokus.
„Der Wegfall oder die deutliche Senkung von Zöllen reduziert die Kostenbarrieren für den Marktzugang, verbessert die Wettbewerbsposition deutscher Hersteller gegenüber US‑, Schweizer und lokalen Anbietern und eröffnet Spielräume für Preissenkungen, Marktausbau und zusätzliche Investitionen vor Ort, etwa in Logistik, Studien und Kooperationen“, erläutert Brakmann. Studien gehen davon aus, dass der Zollabbau für EU‑Exporteure insgesamt Einsparungen in Milliardenhöhe pro Jahr erzeugen und damit auch Investitionen in Gesundheitstechnologien fördern kann.
„Vor dem Hintergrund eines gesamten deutschen Pharma‑Exportvolumens von deutlich über 120 Mrd. US‑Dollar pro Jahr ist Mercosur heute noch ein mittelgroßer, aber dynamisch wachsender Markt“, so Brakmann. „Die Branche erhofft sich durch den Abbau der Zölle, die wachsende Kaufkraft in diesen Märkten und die mit dem Abkommen insgesamt besser planbaren Rahmenbedingungen eine weitere Steigerung.“
Wie stark die Pharmabranche tatsächlich profitiert, hängt aus Sicht von Pharma Deutschland von der Ausgestaltung zentraler Schutz‑ und Regulierungsfragen ab. „Für Unternehmen sind die verlässliche Durchsetzung von Patenten, angemessene Schutzfristen und klare Regeln zu Datenexklusivität entscheidend“, sagt Brakmann. Zwar verweist der aktuelle Text stärker auf das WTO‑TRIPS‑Abkommen und die Bedeutung der öffentlichen Gesundheit, dennoch besteht aus Branchensicht weiterer Klärungsbedarf.
„Wenn Schutzrechte in Frage stehen, ist das Abkommen wertlos. Hier braucht es ein starkes Auftreten der EU“, fordert Brakmann. Hinzu kommen aus Sicht der Unternehmen unterschiedliche regulatorische Anforderungen, lange und teils intransparente Zulassungsprozesse sowie restriktive Preisobergrenzen in einzelnen Mercosur‑Staaten, die den Markteintritt für innovative Therapien erschweren können.
„Unterschiedliche regulatorische Anforderungen, fehlende gegenseitige Anerkennung und lange, teils intransparente Zulassungsprozesse in einzelnen Mercosur‑Staaten verlängern die Time‑to‑Market und erhöhen die Kosten. Hier brauchen wir stärker harmonisierte Standards und eine engere Kooperation zwischen den Behörden“, so Brakmann. Bestehende Kooperationsansätze zwischen europäischen und südamerikanischen Zulassungsbehörden zeigen, dass regulatorische Zusammenarbeit die Verfahren spürbar beschleunigen und Kosten senken kann.
„Für zusätzliche Investitionen in Südamerika braucht es stabile rechtliche Rahmenbedingungen, transparente Vergaberegeln bei öffentlichen Ausschreibungen und verlässliche Konfliktlösungsmechanismen“, so Brakmanns Forderung. Gleichzeitig setzen insbesondere Brasilien und Argentinien im Arzneimittelbereich stark auf lokale Produktion, was die Wachstumspotenziale im öffentlichen Beschaffungswesen begrenzt und in der praktischen Umsetzung des Abkommens berücksichtigt werden muss.