Die Ergebnisse der in der renommierten US-amerikanischen Fachzeitschrift “Environmental Science and Technology Letters” veröffentlichten Studie zeigen, dass die tatsächliche toxikologische Belastung im gereinigten Abwasser im Ablauf der 3. Kläranlagenstufe deutlich anders zusammengesetzt ist, als es der Folgenabschätzung der Europäischen Kommission zur Richtlinie zugrunde liegt. (Integrating a Comprehensive Analytical Approach for Toxic-Load Assessment in Urban Wastewater: Implications for Data-Driven Regulation | Environmental Science & Technology Letters | ACS Publications)
Während die Kommission ihre Lastenzuweisung maßgeblich auf modellbasierte Annahmen stützt, wonach Pharma und Kosmetik den Großteil der toxikologisch bedenklichen Bestandteile verursachen sollen, kommt die griechische Untersuchung auf Basis realer Messdaten zu einem grundlegend anderen Gesamtbild der Schadstofffraktionen.
„Die Untersuchungsergebnisse einer der größten Kläranlagen Europas zeigen, dass Arzneimittel nur einen einstelligen prozentualen Anteil an der toxischen Gesamtlast im gereinigten Abwasser haben", sagt Jörg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland.
"Weil sich spätestens damit die bisherigen Annahmen der Kommission als falsch herausgestellt haben, muss die Umsetzung der Erweiterten Herstellerverantwortung sofort gestoppt werden."
"Bundesumweltminister Carsten Schneider, der noch vor wenigen Tagen einen nationalen Alleingang bei der Umsetzung der Erweiterten Herstellerverantwortung in die Debatte eingebracht hat, muss spätestens jetzt umdenken. Auch in Deutschland muss endlich geklärt werden, wer die toxischen Mikroschadstoffe im Abwasser tatsächlich verursacht. Eine neue Kommunalabwasserrichtlinie muss auf messbaren Fakten und nicht auf gefühltem Wissen basieren “, so Wieczorek weiter.
Pharma Deutschland fordert den Bundesumweltminister auf, die Umsetzung auszusetzen. Ziel muss es sein, schnell einen belastbaren Überblick über die tatsächlichen Verursacher toxischer Mikroschadstoffe im kommunalen Abwasser in Deutschland zu erhalten. Die griechische Untersuchung zeigt, dass dafür etablierte Messmethoden zur Verfügung stehen mit denen in relativ kurzer Zeit fundierte Aussagen über die reale Zusammensetzung und toxische Relevanz der Spurenstoffe im geklärten Abwasser.
Gerade weil diese Methoden in der Umweltanalytik wissenschaftlich etabliert sind, wäre ein deutscher Real-World-Check umsetzbar und mit vertretbarem finanziellem Aufwand möglich. Statt weiter mit theoretischen Modellen zu arbeiten, braucht die politische Debatte jetzt belastbare Messdaten auch aus Deutschland.
Die griechische Untersuchung analysierte Zu- und Abläufe der Kläranlagen Psyttalia bei Athen mit rund 5,6 Millionen angeschlossenen Einwohnern sowie Larissa mit rund 210.000 Einwohnern in einem gemischt urban-landwirtschaftlichen Einzugsgebiet. Im Ablauf von Psyttalia wurden Arzneimittel sowie erhebliche Anteile von Industriechemikalien, Tensiden, Kosmetika, Pflanzenschutzmitteln, PFAS und Reifenadditiven detektiert. Für die toxische Gesamtlast im gereinigten Abwasser ergab sich, dass Arzneimittel nur etwa 7% an der gesamten toxischen Belastung in beiden Kläranlagen beitragen, während Reifenadditive und Pflanzenschutzmittel die Haupttreiber des ökotoxikologischen Risikos sind.