24.02.2026

China reformiert Arzneimittelerstattung: Neue Zugangswege mit globalen Preisfolgen?

Neuausrichtung hat Konsequenzen für internationale Preisstrategien von Pharmaunternehmen.
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Autor:innen
Anna Wehage
Zum 1. Januar 2026 hat China seine Struktur der Arzneimittelerstattung grundlegend reformiert. Erstmals existieren zwei getrennte Zugangswege zum Markt: der bestehende nationale Erstattungskatalog (NRDL) sowie ein neuer Katalog für innovative Arzneimittel innerhalb der kommerziellen Krankenversicherung. Dieser Artikel erläutert die Auswirkungen auf die internationele Preisstrategie für Pharmaunternehmen.

Der NRDL (Nationaler Arzneimittelkatalog für die Grundkrankenversicherung, Mutterschaftsversicherung und Arbeitsunfallversicherung“) ist in China das zentrale Instrument der öffentlichen Versorgung und trat zum 1. Januar 2026 in Kraft. Er umfasst derzeit 3.253 Medikamente und deckt rund 95 % der Bevölkerung ab. Voraussetzung für die Aufnahme sind jedoch signifikante Preiszugeständnisse, im Durchschnitt über 60 % (China on the Move: Key Takeaways from the 2025 NRDL Negotiations and Adjustment).

Daneben wurde ein neuer „Commercial Health Insurance Innovative Drug Catalog“ zum gleichen Zeitpunkt eingeführt, der zunächst 19 innovative Arzneimittel enthält, darunter mehrere CAR-T-Therapien sowie neue Alzheimer- und Onkologiepräparate (China releases 2025 NRDL and first commercial insurance drug list - Pharmaceutical Technology). Dieser Katalog ist strukturell anders ausgestaltet: Gelistete Medikamente sind unter anderem von Budgetdeckeln im DRG/DIP-System, von Begrenzungen der Eigenbeteiligung und von Vorgaben zur Generika-Substitution ausgenommen. Erste Städte haben diese Präparate bereits in ergänzende Versicherungsprogramme integriert.

Für Hersteller hochpreisiger Therapien eröffnet dieser zweite Katalog einen alternativen Marktzugang, der die globale Preisstruktur weniger stark unter Druck setzt als der NRDL.

Die Aufnahmehürden sind gleichzeitig jedoch deutlich gestiegen. Die Quote der Wirkstoffe, die es 2025 von der Vorauswahl in Preisverhandlungen geschafft haben, lag bei nur 41 % – ein historischer Tiefstand. Regulierungsbehörden priorisieren klar klinisch differenzierte Innovationen und lehnen Arzneimittel ohne nachweisbare Überlegenheit zunehmend ab. Sobald jedoch Preisverhandlungen erreicht werden, bleibt die Erfolgswahrscheinlichkeit hoch.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass eine NRDL-Strategie künftig nur noch für klar differenzierte Produkte realistisch ist. Andernfalls gewinnt der kommerzielle Katalog als alternative Eintrittsstrategie an Bedeutung.

Die Entscheidung für einen der beiden Zugangswege hat unmittelbare internationale Konsequenzen. Niedrige, öffentlich einsehbare Preise im NRDL fließen in internationale Referenzpreissysteme ein. Über 30 Länder nutzen externe Preisvergleiche – ein deutlicher Preisabschlag in China kann somit Auswirkungen auf Märkte in Europa und indirekt auch auf Preisverhandlungen in den USA haben.

Parallel dazu verstärken neue politische Rahmenbedingungen diese Interdependenzen. In den USA koppeln „Most Favored Nation“-Mechanismen Preise an internationale Benchmarks, während gleichzeitig Medicare-Preisverhandlungen deutliche Abschläge gegenüber bisherigen Listenpreisen festlegen. Auch in Europa entstehen neue Referenzpunkte, etwa durch nationale Reformen und vertrauliche Erstattungsmodelle.

Damit entsteht ein eng vernetzter globaler Preiskorridor: Preisentscheidungen in einem Markt wirken zunehmend direkt auf andere Regionen zurück.

Für international tätige Pharmaunternehmen verschiebt sich damit die Logik der Markteinführung. Während bislang oft eine sequenzielle Preisstrategie (USA, Europa, Asien) verfolgt wurde, bestimmt künftig ein global konsistenter Preisrahmen den Handlungsspielraum. Ein einzelner niedriger Referenzpreis kann als Obergrenze für mehrere Märkte wirken.

Der neue kommerzielle Katalog in China bietet erstmals die Möglichkeit, Zugang zu einem der größten Pharmamärkte zu erhalten, ohne automatisch globale Preisreferenzen auszulösen – vorausgesetzt, das jeweilige Produkt erfüllt die hohen Innovationsanforderungen.

Chinas Reform der Arzneimittelerstattung markiert einen strukturellen Wendepunkt. Unternehmen müssen künftig sorgfältig abwägen, über welchen Kanal sie den Markteintritt wählen und welche globalen Preisfolgen sich daraus ergeben. Eine isolierte, rein nationale Preisstrategie wird unter diesen Bedingungen zunehmend zum Risiko.

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Anna Wehage

Referentin nationale und europäische Gesetzgebung / Internationales / Fälschungsschutz
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